Anachistic Pride?

Luna ist eine junge Frau, die sich sehr differenziert und kritisch in ihrem Blog Gedanken zum Thema "pro ana" und vor allem dem Umgang der Öffentlichkeit und der Medien mit diesem Phänomen macht.
Sie versucht, mit Vorurteilen aufzuräumen und als Insiderin auch mal hinter die Kulissen von "pro ana", wie es die Medien darstellen, zu schauen.

Wer wirklich wissen will, worum es in diesem ganzen Medienhype um "pro ana" eigentlich geht und was "pro ana" ist und sein kann, sollte ANArchistic Pride?, Lunas Blog, besuchen.

Einer ihrer Texte vom August 2006 beschäftigt sich mit dem Thema "Vorurteile" - vor allem denen, die die Medien in ihren einseitigen Berichten produzieren und weitertransportieren:


Dank der vielen schlecht recherchierten Medienberichte über Pro Ana, immer quotenträchtig aufgebauscht und als geistiges Fast Food von den meisten Zuschauern ungekaut konsumiert, tritt das eigentlich wichtige in den Hintergrund. Über Essstörungen wird nicht aufgeklärt, sondern es werden Vorurteile geschaffen, die man nur schwer wieder verliert, wenn man die Augen vor allem verschließt, was einen davon abbringen könnte.

Da sich diese Vorurteile nicht nur gegen Menschen, die sich einem Pro Ana Forum angeschlossen haben, richtet, sondern gegen alle, die an Essstörungen erkrankt sind, werde ich hier auch auf beides eingehen.

Besonders dünne Mädchen werden dank der Medien wohl sofort mit fehlgeleiteten Jugendlichen gleichgesetzt, die einer belächelnswerten Modeerscheinung hinterher jagen.

Wegen dünnen Models wird keiner magersüchtig. 90% der Frauen sind mit ihrer Figur unzufrieden, weil sie sich mit Supermodells vergleichen. Aber das ist nicht die Einstiegsdroge zu einer Essstörung.

Die Gründe für Essstörungen liegen tiefer, sind vielfältig und bei jedem anders.

Ein paar wenige kurze Beispiele wie eine Essstörung entstehen könnte:

Eine junge Frau hat in seiner Kindheit immer dann die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern bekommen, wenn sie besonders tolle Leistungen brachte. Sie merkte, dass sie sich keinen Fehler leisten durfte, da sie daraufhin ignoriert oder bestraft wurde. Sie musste perfekt in das Bild des strengen Vaters passen, damit dieser stolz auf sie war. Und als Kind sieht man das so, dass man selbst auch nur dann stolz auf sich sein darf, wenn andere es auch sind. Dieser Zwang, etwas überdurchschnittliches leisten zu müssen, setzt sich fest.

Ein Grund für die Entstehung einer Essstörung ist die Erfahrung, dass man nicht als der Mensch geliebt wird, der man ist. Man muss sich verstellen und lügen, um von seinen Mitmenschen, oft schon von den Eltern, angenommen zu werden. Diese Schauspielerei und das Streben nach Perfektion, nach außen hin, wird bei einer Essstörung bis zum äußersten getrieben.

Einer anderen wurde mit Gewalt die Kontrolle über ihren Körper genommen. Sie verliert das Vertrauen in sich, in andere und in ihren Körper. Der Körper wird ihr fremd, ist nicht mehr unmittelbar an ihren Geist gebunden. Fortan versucht sie alles um die Kontrolle wiederzuerlangen. Der Körper soll ihr gehorchen. Mit stundenlangem Sport versucht sie wieder ein Gefühl für ihren Körper zu erhalten.
Mit Hungern und Sport ergreift jetzt sie die Macht über ihren Körper und macht sich damit gleichzeitig zum Täter, aber auch wieder zum Opfer.

Andere sind vielleicht mollig oder dick. Im Sportunterricht werden sie als letzte gewählt. Mobbing unter Schülern ist grausam. Das Mädchen leidet darunter und ihr Selbstvertrauen schwindet. Sie selbst muss schlecht sein. Ihre letzte Chance ist es abzunehmen, damit sie keine Angriffsfläche mehr bietet. Durch ihre Verzweiflung ist ihre Motivation so groß, dass sie im Abnehmen richtig gut wird. Durch die ersten bewundernden oder neidischen Fragen, wie sie das geschafft habe, wird ihr bestätigt, dass sie den Weg zum Glück gefunden hat. Vielleicht klammert sie sich daran fest, als wäre das Abnehmen das einzige was sie wirklich gut kann. In schlechten Zeiten, wenn sie ihr Mut verlässt, greift sie zurück auf das was ihr früher immer Trost gespendet hat und stopft sich alles Essen rein, auf das sie in letzter Zeit so diszipliniert verzichtet hat. Sie schämt sich, sie hasst sich dafür, denn sie hat gelernt, dass Maßlosigkeit verachtenswert ist. Schuldbewusst geht sie ins Badezimmer und wird das Gegessene wieder los.

Die Medien geben nun vor, über Essstörungen aufklären zu wollen. Was sie aber machen ist Vorurteile schüren:

In den Berichten werden immer nur die abgemagerten Frauen gezeigt. Freakshows bringen nämlich mehr Quote. Ich habe gute Gründe zu glauben, dass es sich dabei meistens um Schauspielerinnen handelt. Ein Aufruf zu einem Casting in dem Frauen gesucht wurden, die aussehen als litten sie unter Magersucht oder Bulimie, habe ich tatsächlich schon mal entdeckt.

Einem Zuschauer, der sich für Hintergründe nicht interessiert, sagt das doch, dass alle Essgestörten, wohl ganz besonders die Pro Anas kurz vorm Hungertod sein müssten.

Man muss einer Person nicht ansehen, dass sie essgestört ist. Eine Frau, die seit Jahren ihr Gewicht im unteren Bereich des Normalgewichts hält und damit genau dem Schönheitsideal entspricht, kann unter den schlimmsten Selbstvorwürfen und Versagensängsten leiden. Diese Menschen trauen sich dann am allerwenigsten in die Öffentlichkeit, da sie leider sowieso nicht ernst genommen werden. Sie trauen sich wahrscheinlich nicht einmal zum Arzt, aus Angst, dass sie dort nur zu hören kriegen würden, dass es doch nicht so schlimm sein könne, schließlich hätten sie Normalgewicht.

Aber auch den Magersüchtigen, denen man ihre Krankheit ansieht, wird oft nur Unverständnis entgegengebracht. Man müsse doch einfach nur essen, man sei wohl zu blöd dazu.

Auch wird einem oft unterstellt, wie bei jeder psychischen Erkrankung übrigens, man wolle doch nur Aufmerksamkeit, rede sich etwas ein, oder man sei nur zu bequem, um mal den Arsch hoch zu kriegen.

All das wird von diesen Menschen, die sowieso schon ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst haben, als sehr verletzend empfunden und treibt sie noch tiefer in ihre Störung.

Stößt man mit seiner Offenheit auf solche Vorurteile und Hohn, kommt das als Zeichen an, dass man immer noch nicht perfekt genug ist. Man ist immer noch ein Versager und auf keinen Fall liebenswert.

Besonders verletzend finde ich die Vorwürfe, wir Essgestörten seien oberflächlich, da wir uns nur mit unserem Äußeren befassen. Das zeigt, dass nichts verstanden wurde. Das Gegenteil ist wohl eher der Fall, jedenfalls bei den Menschen, die ich kenne. Oft sind Menschen erstaunt, wie aufrichtig man in unseren Foren aufeinander eingeht. Mein bester Freund sagt mir immer wieder, dass ich mir viel zu viele Gedanken und Sorgen mache. Das was an anderen einfach abprallt, weil sie eine völlig natürliche Schutzfunktion dagegen entwickelt haben, dringt bei mir ungefiltert bis zum innersten durch. Ich denke problematische Themen bis ins kleinste Detail durch. Die Gedanken an Kilos und Kalorien sind dagegen eine Erleichterung.

Nun zu den Pro Anas.
Eine Definition dafür zu finden, die auf alle zutrifft, ist schwierig.

Was uns aber sicher verbindet ist, dass wir diese Krankheit als Teil von uns akzeptieren, was er ja auch ist und vielleicht für immer sein wird. Wir bekämpfen die Krankheit nicht, denn dann würden wir einen Teil von uns selbst bekämpfen. Leider ist eine Essstörung nunmal kein Geschwür, das man einfach so entfernen kann.

Nur im Forum unter Menschen, die einen verstehen (wollen), darf man immer ehrlich sein. Man braucht sich nicht mehr zu verstellen und nur so kann man dann auch glauben, dass man als der Mensch geliebt wird, der man ist.

Mir persönlich hat die Mitgliedschaft in einem Pro Ana Forum sogar geholfen, viele Schritte in Richtung Gesundheit zu gehen. Und ich mache mir absolut keine Sorgen, dass man mich deshalb rausschmeißen würde.

Für wahre Hilfe sind selbst wir Pro Anas aufgeschlossen. Wenn es etwas gibt, was uns unsere Ängste nimmt, lehnen wir nicht dankend ab.

Das wichtigste ist aber das Verständnis. Man kann schreiben was einem auf dem Herzen liegt, egal ob es direkt mit der Essstörung zu tun hat oder mit etwas völlig anderem. Niemand sagt dir, man sei ja doof sich über so was Gedanken zu machen. Die Gedanken sind da und so ein Spruch hilft nicht.

Weitere Vorurteile gegen Pro Ana Foren:

"Man wird nur aufgenommen, wenn man schon Untergewicht hat."

Dieses Forum zeig mir mal. Ich kenne keines.
Im Gegenteil. Die meisten Foren haben eine BMI-Grenze, die nicht unterschritten werden darf. Wir sind nicht dazu da jemanden zu unterstützen, sich krankenhausreif zu hungern, sondern wir sind eine Gemeinschaft mit ähnlichen Ängsten und Zwängen, wo man dort auf Verständnis trifft, wo in der Außenwelt nur spöttisch der Kopf geschüttelt werden würde.

"Anorexie ist keine Krankheit, sondern ein Lifestyle."

OK, es mag Leute geben, die Lifestyle anders definieren. Für mich klingt es stark nach einer Verharmlosung einer wirklich gefährlichen Krankheit, die uns in unserer Lebensqualität jetzt und in Zukunft stark einschränkt und die in manchen Fällen sogar zum Tod führen kann.
In fast allen anderen Foren, die ich kenne, ist so eine Aussage ein Ausschlusskriterium.
Wir sind uns darüber bewusst, dass wir krank sind. Wir kennen die Risiken und passen auf, dass die Folgen von niemandem unterschätzt werden.
Jemand, der einfach nur weil es gerade in ist, das dünn sein zu seinem Lebensinhalt machen will, hat unter uns kranken, essgestörten nichts verloren.

Dieser Satz: „Anorexia is a Lifestyle, not a disease!“ wurde aus den USA übernommen, als die Pro Ana-Welle nach Europa überschwappte. Wer diesen Satz ernst nimmt, kann nicht ernst genommen werden.

Allerdings nachdem wir in letzter Zeit von überall her angegriffen werden, von Menschen, die nichts verstehen wollen und sowieso nur das glauben, was sie glauben wollen, kann ich diese Aussage so langsam auch als Provokation verstehen. „Wir geben auf, ihr kapiert sowieso nichts, leckt uns am abgemagerten Arsch!“

Leider musste ich nach den vielen Fernsehberichten feststellen, dass nun tatsächlich auch in Deutschland ein paar Foren eröffnet wurden, die Magersucht als Lifestyle propagieren.

Am Ende wird es so sein, dass wir alten Pro Anas uns einen neuen Namen suchen müssen, der besser zu uns passt, denn auch der Name ist traditionell übernommen. „Für Magersucht“ sind wir nicht. Es gibt tatsächlich schon die Bezeichnung "Pro Choice", für die Freiheit seine Essstörung ausleben zu können.

"Die religiösen Texte:"

Die meisten Essgestörten, auch die, die sich Pro Ana nennen, halten das für Quatsch.

Wenn sich jemand in einem Forum anmeldet und behauptet, dass er sich streng an die 10 Gebote hält, wird einmal kurz müde gelächelt und er ist weg.

Wir sind essgestört und ein Symptom der Essstörung ist, dass man alles negative gern verdrängt. Wird uns nun so ein Gesetz an den Kopf geworfen, das wir für völlig blödsinnig halten, denken wir einen Schritt weiter. Trifft das nicht wirklich für mich zu?

Es rüttelt uns wach. Die darin chiffrierten Denkweisen stecken in uns drin. Wir müssen und wollen diese nicht erst erlernen.

Und wir erkennen, dass diese Denkweisen falsch sind.

Durch die Auseinandersetzung mit Texten und den Themen im Forum lernen wir bewusster mit der Krankheit umzugehen.
An dieser Stelle möchte ich allen Menschen danken, die mir gezeigt haben, dass ich liebenswert bin. Genau so unperfekt wie ich bin.

Ich habe immer dann am meisten abgenommen, wenn ich von allen Menschen und Texten isoliert war, die etwas mit Magersucht zu tun hatten.

Seit ich in dem Forum bin, habe ich etwas über 10 kg zugenommen.