... und Ohnmacht

wie Nietzsche sagen würde: Magersucht ist Ohn-macht ...

Zwischen vielen Frauen und ihrer Fähigkeit, zu bekommen, was sie wollen, steht ihr Hang zur Selbstverneinung. Jede von uns hat diese Selbstverneinung schon in ihrem Verhalten gegenüber Essen und Appetit manifestiert gesehen, wo sie manchmal die extreme Form der Magersucht annimmt. Aber Magersucht ist nur das Symptom für einen tieferen Aspekt der Selbstverneinung: die Sehnsucht nach Machtlosigkeit. Das ist die Magersucht der Macht.

Eine Magersüchtige der Macht erkennt man an eindeutigen Zeichen. Sie ist von emotionaler Zartheit. Sie stimmt schnell zu und ist kaum imstande, nein zu sagen, auch wenn die Atmosphäre für sie günstig ist. Sie wischt Komplimente beiseite. Sie sagt: "Nein danke, ich mache das schon selbst", wenn andere ihr helfen wollen. Sie beobachtet die Machtmenschen und sucht ihre Anerkennung. Ihr Schrank ist voller Kleider in Schwarz und Beige, den Farben der Trauer und der Tarnung. Ihre Sprache verrät Abhängigkeit. Ständig führt sie Wörter wie "sehr" und "wirklich" im Munde. Sie sagt: "Das ist sehr sehr gut", als ob ihre Meinung so wenig zählen würde, daß sie sie überbetonen muss.
Ihren Aussagen nimmt sie die Kraft, indem sie sie mit exaltierten Ausrufen versieht oder sich überhaupt nicht traut, das Wort zu ergreifen, auch wenn ihre Idee ein Problem lösen könnte. Sie holt sich die Niederlage aus den Klauen des Sieges. Sie hat solche Angst zu verlieren, dass sie gar nicht erst versucht zu gewinnen. Sie analysiert ihre Niederlagen nicht als mögliches Scheitern ihrer Strategie, sondern ignoriert sie. Und das Schlimmste ist: Sie ist härter gegen sich selbst, als je ein Feind sein könnte. Mit jedem Anfall von Magersucht der Macht wird sie dünner und in ihren Augen und denen der anderen inkonsequenter. Sie hat kein Gewicht, keine Substanz, keine Präsenz.

Fürstinnen müssen essen, um ihren Charakter groß und stark werden zu lassen. Eine Fürstin sagt nicht nein zu sich selbst. Sie zieht sich nicht in den Schatten zurück, wenn sie sich selbst groß machen und Aufmerksamkeit erregen kann. Jeanne d'Arc trug in der Schlacht Weiß, um groß und auffällig zu erscheinen. Ein Feind, der sieht, dass man Sie nicht einschüchtern kann, wird nicht versuchen Ihnen zu nahe zu kommen.
Selbstverneinung, dünn zu sein wie ein Bleistift, eine untergeordnete Position - alles dies erfordert keine Macht...

(aus "Machiavelli für Frauen" von Helena Rubin)

Verschiedene therapeutische Richtungen haben sich die Unabhängigkeit des Patienten zum Behandlungsziel gesetzt. Fraglos haben die Patienten außerordentliche Probleme mit der Abhängigkeit. Dabei gilt es allerdings zu bedenken, dass diese Patienten bereits von Kindesbeinen an jeder Abhängigkeit mit Unabhängigkeit gegenzusteuern versuchten. Insbesondere die Magersucht, aber auch die Bulimie führt eine Unabhängigkeit vor, für die sogar der Tod riskiert wird. Es handelt sich um eine Pseudounabhängigkeit, die nur als pathologische Unabhängigkeit bezeichnet werden kann. Wäre das Therapieziel die Unabhängigkeit des Patienten, bestünde die Gefahr, daß diese Pathologie nur noch begünstigt würde. Sinnvoller wäre es, die Fähigkeit zu fördern, natürliche Abhängigkeiten, wie sie der Körper z.B. auferlegt, angstfreier und ohne Kränkung ertragen zu können. Andernfalls würde die Behandlung fatalerweise exakt jenes pädagogische Klima reproduzieren, in welchem die Patienten aufgewachsen sind: "Sei selbständig, aber esse, was ich für richtig halte" oder allgemeiner: "Mach das selbst, aber nur so, wie ich es will und gebrauchen kann". Es gilt als gesichert, dass Essgestörte von beiden Elternteilen auf je unterschiedliche Weise instrumentalisiert wurden. Dort, wo sie nicht funktionabel waren, wurden sie von ihnen als lästig empfunden oder ignoriert, weshalb die Patienten ihr Elternhaus als latent feindselig erlebten. Als Kinder flüchteten sie sich in eine vorzeitige, forcierte pathologische Autonomie - Symptom des lästigen Kindes -, damit sie den Eltern nicht länger zur Last fielen.

(aus "Mythos Eßstörung" von Thomas Ettl)