... und Faszination

Offensichtlich hatte die Magersucht (Anorexia nervosa) bzw. ein extrem abgemagerter Körper zu allen Zeiten etwas ungeheuer Faszinierendes. Die ersten Anfänge findet man in der Literatur über weise Frauen, Hexen und Heilige, die gleichermaßen mit einer gewissen absurden Faszination von der Öffentlichkeit betrachtet, aber gleichzeitig teilweise auch scharf und bis in den Tod verurteilt wurden. Auch bereits bevor es das Internet gab und der Begriff "pro ana" ab Anfang des neuen Jahrtausends durch die Medien geisterte, schien die Magersucht eine Anziehungskraft auf alle Arten von Menschen auszuüben.
Eine Erklärung findet sich vielleicht in folgender Literaturstelle:

Verherrlichung der Anorexia nervosa
Bekannte Romane und Fernsehdramen sowie die Darstellungen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die in den Medien über ihren Kampf mit der Eßstörung berichten, tragen zu einer Verherrlichung der Anorexia nervosa abei. Die Öffentlichkeit ist offensichtlich von dieser Eßstörung fasziniert. Dies könnte die perverse Manifestation davon sein, daß das der Störung zugrunde liegende Stereotyp so positiv bewertet wird: durch Assoziation mit bestimmten Vorbildern und mit Attributen wie extremer Schlankheit, hohem sozialen Status, Intelligenz, Perfektionismus und körperlicher Fitneß. Einigen Patienten widerstrebt es, ihre Eßstörung aufzugeben, weil sie dadurch ihre Identität verlieren würden, die sie durch sie erhalten haben. Andere beschreiben sogar, daß sie die Symptome der Anorexia nervosa bewußt anstreben. Im Rahmen der nicht endenwollenden Flut von persönlichen Darstellungen wir in einem erst kürzlich veröffentlihtn Fall ausdrücklich betont, daß das Opfer "beabsichtige, Anorexia nervosa zu bekommen, um dadurch den Beispielen zu folgen, die in zahllosen Hochglanzmagazinartikeln über Cherry Bone, Karen Carpenter, Jane Fonda und andere veröffentlicht wurden". Bruch (1982!) wies darauf hin, daß es sich bei dieser neuen Generation von "Ich-auch"-Patientinnen mit Anorexia nervosa um ein Phänomen der sozialen Ansteckung handeln könnte. Ähnliches könnte auch für die Bulimia nervosa gelten. Chiodo und Latimer (1983) stellten fest, daß es für bulimische Patientinnen nicht unüblich war, mit dem selbstinduzierten Erbrechen als Mittel der Gewichtskontrolle zu beginnen, nachdem sie auf diese Methode durch entsprechende Artikel in den Medien aufmerksam wurden. In einem Fall kam es zur Symptombildung, nachdem im Rahmen einer klinischen Untersuchung danach gefragt wurde. Diese Beispiele sollen nicht als Angruff gegen präventive Bemühungen verstanden werden, sondern als Warnung gegenüber den gutgemeinten Kampagnen, die Informationen über Anorexia und Bulimia nervosa liefern wollen.

(aus "Bulimia und Anorexia nervosa" von Corinna Jacobi & Thomas Paul (Hrsg.), 1991, Seite 17, Kapitel 2.6)

Man beachte, dass dieses Buch bereits 1991 erschienen ist, lange bevor es das Internet überhaupt gab; und dass darin Quellen zitiert werden, die in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts liegen. Die "öffentliche Faszination" für die Krankheit Magersucht ist also ein altbekanntes Phänomen, das jetzt wohl nur im Begriff "pro ana" seinen neuen Ausdruck gefunden hat.