Kinder- und Jugendpsychiatrie

Kinder- und Jugendpsychiatrie

1
Beim Mittagessen ist eine neue Patientin angekündigt worden.
Eine Mitpatientin, die schon länger da ist als ich, verdreht die Augen und murmelt etwas von „Magersucht“.
Ich stelle mir jemand ganz dünnes mit langen blonden Haaren vor.
Ich mag nicht darüber nachdenken.
Jede Magersüchtige ist Konkurrenz für mich, auch wenn ich hier nicht wegen der Magersucht bin, weil ich bereits vor dem Klinikaufenthalt wieder auf ein normales Gewicht zugenommen hatte.
Wie dünn wird sie sein?
Was wird auf Station passieren?
Kümmern sich die Betreuer jetzt noch weniger um mich?

Ich verkrieche mich während der Übergabe wie immer in mein Zimmer unter meine Bettdecke.
Stunden später kommt meine Bettnachbarin ins Zimmer und verkündet:
"Die Samirah ist da! Und die ist so wahnsinnig dünn, da sieht man echt jeden Knochen und die Adern kommen an den Armen richtig raus!"
Verdammt.
Ich könnte heulen.
Ich mag gar nicht rausgehen und die Neue begrüßen.
Höre im Zimmer, wie sie draußen vor der Tür alle am Tisch sitzen und Kniffel spielen, das Geräusch der Würfel im Becher, den Aufprall des Bechers und der Würfel auf dem Tisch, die kurzen Aufschreie und Enttäuschungsbekundungen.

Zum Abendessen muss ich zurück zu den anderen, zum ersten Mal seit Stunden kommt jemand ins Zimmer und holt mich.
Ich setze mich an den Tisch, Samirah hat den Platz mir gegenüber.
Wir sehen uns an, mustern uns kritisch; der Versuch eines Lächelns - "Hallo.“
Sie ist dünn, furchtbar dünn.
Und sie hat keine langen blonden, sondern schulterlange hennagetönte, braune, lockige Haare, die ursprünglich wohl mal wunderschön waren, jetzt aber nur noch strohig und ausgedünnt sind. Sie rahmen ein knochiges Gesicht mir großen, tiefliegenden braunen Augen ein.
Das Abendessen ist ein einziges Drama.
Samirah bekommt die volle Aufmerksamkeit aller.
Sie begutachtet Brotscheibe für Brotscheibe. Entscheidet sich schließlich für eine, legt sie dann doch zurück und nimmt eine andere, die etwas dünner aussieht.
Ein Betreuer greift ein, nimmt ihr den Brotkorb weg, stellt ihr die Butter hin.
Samirah reißt kurz die Augen auf: "Bitte, ich esse keine Butter."
"Doch, ab heute schon."
Eine Betreuerin bestreicht die Brotscheibe mit Butter, Samirah nimmt ihr Messer und kratzt den Großteil der Butter wieder ab.
"Samirah!!!"
Samirah verbringt Ewigkeiten damit, die dünnste Scheibe Wurst über ihr Brot zu verteilen.
"Kann ich Pfeffer haben? Bitte."
"Senf auch, bitte?"
Sie verbringt Minuten damit, die Brotscheibe zu garnieren, ohne einen Bissen zu essen.
"Kann ich bitte Tee haben?"
Jemand reicht ihr die Kanne.
"Nein, ich möchte bitte lieber Früchte-Tee, ich kann mir den auch kurz selber machen..."
"Samirah, Du bleibst jetzt sitzen!"
Wir anderen sind längst mit dem Essen fertig, auch wenn mir praktisch der Appetit vergangen ist.
Ich versuche nur noch, möglichst unauffällig Samirahs Körper zu betrachten. Die knochendürren Arme, auf denen sich die Blutgefäße deutlich abzeichnen. Die Hände und Finger, die wie Spinnenbeine aussehen.
Sie trägt mehrere Schichten Kleidung übereinander und sieht trotzdem unglaublich dünn aus.
Ich habe Angst davor, später ihre Beine zu sehen. Spüre, wie mir meine eigene Jeans gerade noch so passt und ärgere mich zum x-ten Mal, dass ich schwach geworden bin und zugenommen habe.
Wir anderen werden unruhig, wollen aufstehen, können das Theater um Samirah nicht länger ertragen.
"Nein, wir bleiben alle sitzen, bis Samirah zu ende gegessen hat!"
Samirah reißt wieder kurz die Augen auf, starrt die Betreuerin an, will etwas sagen, schweigt, blickt zurück auf ihr immer noch unberührtes Brot.
Schon das erste Abendessen wird für uns alle zu einer Zerreißprobe.

2
Das Geschrei weckt mich aus meinem Mittagsschlaf, wie jeden Tag.
"Nein, ich will kein Fresubin! Ihr könnt mich nicht dazu zwingen!!!!"
"Doch, Samirah, es geht nicht anders. Wenn Du bei 34 kg bist, kannst Du Dir aussuchen, was für eine Zwischenmahlzeit Du möchtest, jetzt gibt es aber noch Fresubin."
"Nein, das Zeug trinke ich nicht!!!"
"SAMIRAH!!!"
"NEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIN!!!!!!!!"
Eilige Schritte, die Tür zum Nachbarzimmer knallt.
Die Tür wird erneut aufgerissen.
Die Diskussion geht jenseits der Wand neben mir weiter.
"Samirah, komm' in die Küche und trink’ das Fresubin, sonst kriegst Du demnächst eine Sonde."
"NEEEEEEEEEIIIIIIN!!!!!"
Ihre Stimme wird zu einem Kreischen.
Mir zerreißt es fast die Ohren und das Herz.
Ich kann es kaum noch mit anhören.
Ich kann Samirah irgendwie verstehen; an ihrer Stelle würde ich das eklige Fresubin auch nicht trinken wollen, ich würde mir aussuchen wollen, wovon ich zunehmen muss.
Aber an meiner Stelle ist es auch unerträglich, mitzubekommen, welche Aufmerksamkeit Samirah täglich mehrmals über Stunden bekommt, während sich kein Mensch dafür interessiert, was ich eigentlich den ganzen Tag mache. Aber ich habe ja auch "keine Essstörung", sondern ein normales Gewicht und um mich muss man sich keine Sorgen machen.
Ich schnappe mir meinen Discman, setze die Kopfhörer auf und drehe voll auf.

3
"Kommst Du bitte kurz mit mir ins Bad?"
"Wieso?"
"Komm' bitte einfach mit, ja?"
Sie hat eine Hand unter ihrem Pullover verborgen, der heute die äußerste Schicht ihrer Kleidung darstellt; wie es darunter aussieht, ist nur an den Händen und im Gesicht zu erahnen.
Wir stehen schließlich im Bad, sie sieht sich draußen noch mal vorsichtig um, bevor sie das "frei"-Schild auf "besetzt" umdreht und leise die Tür schließt.
"Kannst Du mich fotografieren?"
Sie zieht ihren Arm unter dem Pullover hervor, in der Hand eine kleine Kamera.
"Dich fotografieren???"
"Ja, und zwar nackt."
"Samirah!!!"
"Bitte."
Sie sieht mich mit ihren großen, tief eingesunkenen Augen flehend an.
"Bitte. Verstehst Du das denn nicht? Du warst doch selber mal magersüchtig..."
Das versetzt mir einen Stich, und ich denke, dass das vielleicht auch genau der Grund ist, wieso ich es nicht machen will. Weil ich einfach nur eifersüchtig bin. Weil ich nicht will, dass sie festhalten kann, was mir nicht gelungen ist.
"Bitte."
Ich sehe sie lange an, denke nach.
"Okay."
Sie lächelt dankbar, drückt mir die Kamera in die Hand, erklärt kurz, wo ich draufdrücken muss.
Dann fängt sie an, sich auszuziehen, eine Zwiebelschalenschicht nach der anderen.
Ich lasse mich auf dem Rand der Badewanne nieder und schaue immer fassungsloser zu.
Sie trägt über einer Unterhose noch eine lange Unterhose, darüber eine lange Leggins, eine Jogginghose und dann ihre Jeans.
Oben zieht sie nacheinander ihren dicken Pullover, ein langärmliges T-Shirt, ein kurzärmliges Shirt und ein Unterhemd aus.
Ich kann erst mal nichts sagen, als sie zitternd und frierend vor mir steht.
Kann nur noch den Kopf schütteln.
Vor mir steht ein lebendes Skelett. An Samirah sieht man jeden Knochen, jede Rippe zeichnet sich deutlich ab, die Beine sind so dünn wie meine Oberarme.
"Oh Gott, Samirah."
"Bitte."
"Samirah, das ist doch Wahnsinn."
"Bitte."
Irgendwie bringe ich es hinter mich.
Fühle mich völlig zerrissen vor Entsetzen einerseits und grenzenlosem Neid andererseits.

4
Ich habe Samirah gefragt, wie sie in der Klinik gelandet ist.
"Mein Herz ist stehengeblieben. Ich habe eine große Packung Abführmittel genommen, war den ganzen Tag unterwegs und als ich heimgekommen bin, habe ich zwei von diesen Lebkuchenherzen gegessen, die kennst Du, oder? Ich hatte sooooooo Durchfall. Und dann lag ich auf meinem Bett und konnte nicht mehr aufstehen. Und mein Herz hat sich ganz komisch angefühlt. Als meine Mutter nach Hause kam, hat sie mich gefunden und den Notarzt gerufen."
Sie macht eine Pause, sieht für einen Moment ins Leere, bevor sie weitererzählt:
"Unterwegs in die Klinik ist dann wohl mein Herz stehengeblieben. Ich glaube, sie haben mich zweimal wiederbelebt. Und dann war ich erst mal auf Intensiv, dann auf einer normalen Station."
Ich bin so betroffen und geschockt, dass ich erst mal gar nichts sagen kann.
Aber gleichzeitig spüre ich, wie ich sie trotz der schrecklichen Geschichte insgeheim beneide.
Bei mir hat die Magersucht lange Zeit niemand bemerkt. Ich war dünn, aber nie so dünn wie S., und ich hatte praktisch keine körperlichen Symptome einer Anorexie. Mich hat nie jemand ernstgenommen.
"Dann war ich wieder zu Hause und bin vor ein paar Wochen als Krise hier gelandet. 42 Tage hat mich diese blöde Ärztin im Krisen-Zimmer eingesperrt. 42 Tage! Das sind 6 Wochen! Ich durfte nur raus, um aufs Klo zu gehen. Boah, ich hasse diese Frau ja so."
Sie schweigt wieder eine Weile.
"Und meiner Mutter wollten sie das Sorgerecht entziehen, wenn sie nicht unterschreibt, dass ich hierbleibe. Ich durfte nicht mal mit ihr reden. Und jetzt zwingen sie mich, hier Therapie zu machen, obwohl ich das nicht will. Aber die kriegen mich nicht."

5
Während der Übergabe am Abend, sobald alle Betreuer sich zur "Lagebesprechung" ins Stationszimmer verkrochen haben, findet täglich das große "Fressgelage" auf Station statt.
Der Kühlschrank wird inspiziert, die Vorratsschränke nach leicht Eßbarem durchsucht.
"Ist noch Reis von heute Mittag da? Oder Nachtisch?"
Jemand sucht nach Cornflakes und schüttet sich eine Rührschüssel voll, um einen halben Liter Milch draufzugießen.
Fiona hat sich die Hähnchenreste vom Mittagessen geschnappt und dazu Kakao gekocht.
"Okay, ich gehe zuerst."
Samirah verschwindet mit einem Handtuch ins Bad, "Duschen".
Danach ist Fiona mit "Duschen" dran.

6
"Hey..."
Ich schrecke hoch, habe nicht gehört, dass sich hinter meinem Rücken die Zimmertür von Samirah geöffnet hat.
Die anderen Patienten sind in der Klinikschule, nur Samirah und ich sind auf Station. Ich habe eine Freistunde, Samirah hat Bettruhe.
Samirah streckt durch den Türspalt den Kopf heraus.
Ihre Stimme klingt flehend, fast schon verzweifelt:
"Du... kannst Du mir einen Gefallen tun? Ich darf ja nicht hier raus."
"Was denn?"
Sie wirft noch einmal einen ängstlichen Blick über die Station, bevor sie mir durch den Türspalt am Boden etwas entgegen schiebt.
Es ist eine der metallenen Teekannen.
"Mir ist das echt peinlich. Bitte sei nicht böse auf mich. Du musst mir helfen, bitte. Wenn die merken, was ich gemacht habe, ist es aus. Hilfst Du mir?"
Ich verstehe nicht, worauf sie hinaus will.
"Ich habe gekotzt. Kannst Du das bitte für mich ins Klo schütten? Bitte."
Ihre Stimme ist zu einem Flüstern geworden, ich verstehe sie kaum. Und das, was ich verstanden habe, kann und mag ich nicht glauben.
Sie hat gekotzt - doch nicht etwa in die Teekanne???
"Schau nicht rein. Schütte es einfach weg und tu die Kanne in die Spülmaschine. Bitte."
Ich schlucke.
"Samirah, spinnst Du???"
Ich werde in Zukunft keinen Tee mehr trinken.
Ich werde mir bei jedem Stück Geschirr, das ich benutze, genau überlegen, was andere Patienten hier schon damit gemacht haben.
Mir ist schlecht.

7
Am Morgen ist eine neue Magersüchtige gekommen.
Eine "ehemalige Magersüchtige", wie sie selbst betont.
Diana legt sehr viel Wert darauf, dass sie ja das Schlimmste schon hinter sich hat und nur hier ist, um wirklich zu verstehen, wieso sie krank geworden ist.
Sie hat sich innerhalb weniger Monate auf ein erschreckendes Untergewicht herunter gehungert, sich dann freiwillig in ein normales Krankenhaus aufnehmen lassen und per Sonde auf das Mindestgewicht "aufpäppeln" lassen, mit dem sie jetzt vor uns steht.
Diana ist so brav, höflich und zuvorkommend, dass sie mir zwar auf den ersten Blick sympathisch ist, mir aber schon nach wenigen Tagen auf die Nerven geht.

Jeden Morgen frühstückt sie vor aller Augen sehr ausgiebig:
Sie hat sich ihre eigenen Vollkornflakes mitgebracht, die mit Eisen angereichert sind - das erklärt sie jedem, auch wenn man es gar nicht wissen will. Nach all dem, was sie durchmachen musste, brauche sie viel Eisen.
Mir fällt auf, dass sie zwar sehr lange für das Frühstück braucht, aber in dieser Zeit sehr wenig isst.
Den Betreuern scheint das egal zu sein. Diana macht ja keinen Ärger. Sie tut offensichtlich alles, was man ihr sagt, ohne zu widersprechen.
Äußerlich.
Wie es in ihr aussieht, bekommt niemand zu sehen.
Das ist bis zum Schluss ihr Geheimnis.

Ich bin mit ihr in einer Schulgruppe, weil wir pro forma die gleiche Klassenstufe besuchen.
Diana arbeitet fleißig um Unterricht mit und lernt in jeder freien Minute. Sie lässt sich von ihrer Heimatschule zusätzlich den Unterrichtsstoff schicken und bearbeitet die Aufgaben am Abend, statt mit uns fernzusehen oder zu spielen.
"Ich möchte die Klasse nicht wiederholen, ich habe schon so viel Zeit verloren."
Mir ist die Schule egal, weil ich eigentlich eine Stufe weiter wäre, die aber in der Klinik nicht unterrichtet werden kann.
Den Unterricht, der unter meinem Niveau ist, muss ich gegen meinen Willen besuchen. Ich zeige deutlich, wie genervt ich bin. Man unterstellt mir Faulheit und Trotzigkeit.
Diana ist das leuchtende Vorbild.

Jeden Tag kommt der Professor persönlich auf die Station, um seine Privatpatienten zu besuchen.
Ich bin keine Privatpatientin, mich nimmt er nicht wahr.
Auf Diana kommt er lächelnd zu, gibt ihr die Hand, bittet sie zum Gespräch in ihr Zimmer.
Innerlich tobe ich vor Eifersucht und Wut. Für mich interessiert sich hier keiner, weder die Betreuer noch der Professor.
"Aber auf 45 kg müssen wir schon noch kommen", höre ich den Professor sagen, als er wieder mit ihr aus der Privataudienz kommt.
Ich sehe, wie ihr immerwährendes Lächeln plötzlich erstarrt.
Dann fängt sie sich, nickt.
"Natürlich, das ist kein Problem."

Diana nimmt während der zwei Monate auf Station kein Gramm zu.
Als sie als "geheilt" entlassen wird, sind alle stolz auf das, was sie bei uns geschafft hat.
Aber was hat sie eigentlich geschafft?