Familienfeste

Familienfeste

1
Beim Essen reden sie alle darüber.
Ab morgen wollen sie ganz bestimmt eine Diät machen. Ganz sicher.
Zehn Kilo müssen mindestens runter.
FdH wird diskutiert.
Sie lachen, ziehen sich gegenseitig auf mit den unzähligen Versuchen, die jeder meiner übergewichtigen Verwandten schon hinter sich hat.
Ab morgen wird alles anders. Ganz sicher.

Ich höre still zu und lächle in mich hinein.
Mir wird das nicht passieren.
Ganz sicher nicht.
Nie.

Ich verteile das fettarm gewählte Essen auf meinem Teller um, so dass es aussieht, als würde ich essen.
In meinen Servietten verschwinden unauffällig kleinere und größere Bestandteile meines Essens.
Ich esse langsam und trinke viel.
Wenn etwas fehlt, stehe ich eifrig auf und hole es; dabei entsorge ich die Servietten und deren ekligen Inhalt.
Nach dem Essen helfe ich freiwillig beim Ab- und Aufräumen - das verbraucht zusätzliche Kalorien.
Sie loben mich und danken für meine Hilfe.
Ich lächle in mich hinein und danke meinem ausgeklügelten System dafür, nie dick zu werden.

2
Draußen begegnen meine Cousine und ich einem entfernten Großonkel.
"Bei der muss man glatt zweimal hinschauen, damit man sie einmal sieht!", höre ich, als wir schon ein Stück von ihnen weg sind.
Ich drehe mich nicht um.
Ich verstecke mein kaum zu unterdrückbares Lächeln und genieße für einen Moment dieses ungeahnte und unbeabsichtigte Kompliment.
Ich weiß, mir wird das nicht passieren, dass ich schwach werde, nie.