Schule

Schule

1
Alle zwei Jahre zu Beginn des Schuljahrs kommt der Schulfotograf.
Wir hassen das alle, besonders die obligatorischen Klassenfotos.

In der 9. Klasse stehe ich in der letzten Reihe am Rand, fast schon abseits von den anderen.
Unauffällig, brave Frisur, langweilige Kleidung, im Gesicht ein angedeutetes erzwungenes Lächeln.

Sie steht in der ersten Reihe, Mitte, den Arm um ihre beste Freundin gelegt.
Lässig und cool, in einem stylischen Outfit mit passender Frisur und lacht.

Ich bin ziemlich dünn.
Sie ist ziemlich übergewichtig.

In der 11. Klasse stellt mich der Fotograf gegen meinen Willen an den Rand der ersten Reihe.
Wenn auf dem Foto kein Datum aufgedruckt wäre, könnte man glauben, es sei einen Tag nach dem anderen aufgenommen.
Der gleiche brave langweilige Kleidungsstil, die gleiche Frisur - nur mein Gesicht ist ernst und traurig, und durch die weiten Klamotten fällt kaum auf, dass ich abgenommen habe.

Sie kauert, wie der Fotograf es will, in der ersten Reihe.
Immer noch in den angesagtesten Klamotten, nur dass die eigentlich schon enge Kleidung wie ein Sack um sie hängt.
Die ehemals dichten braunen Haare sind ausgedünnt und strähnig; sie sieht aus wie eine Hexe, vor allem weil die Haut, die sich über das knochige Gesicht spannt, sich im Versuch eines Lächelns zu einer Fratze verzieht.

Wir hassen nicht nur dieses Foto-Setting.
Wir hassen uns.

Wir sind seit zwei Jahren Konkurrentinnen auf dem Weg nach unten, und sie ist dabei, zu gewinnen.

2
Beim Umziehen im Sportunterricht beobachten wir uns.
Jede glaubt, dass es die andere nicht merkt.

Ich sehe, wie Woche für Woche die Lücke zwischen ihren Oberschenkeln größer wird.
Bemerke neidisch, wie sich an den Pobacken langsam immer tiefere Dellen bilden, wie sich die Beckenschaufeln immer deutlicher abzeichnen und ihr Bauch von einer Kugel zu einer Art Loch wird.
Taste verstohlen meinen Po ab und stelle fest, dass das bei mir noch längst nicht so weit ist.

Sie rennt die ganze Sportstunde völlig hyperaktiv durch die Halle, steht wo sie kann, wippt dabei auf und ab, hin und her, spannt Muskeln an.
Wir anderen nutzen jede Minute, um uns auszuruhen.

Ihre beste Freundin erzählt am Anfang noch stolz, wie toll Babette abgenommen hat.
Dass sie sich doch tatsächlich beide in einem Fitness-Studio angemeldet hätten.
Aber dass sie sich jetzt langsam Sorgen mache, weil Babette da jeden Tag hinrennt und zusätzlich noch joggen geht, während ihre Familie zu Mittag und zu Abend isst.

Als ich das höre, versuche ich noch hartnäckiger als vorher, zu Hause Mahlzeiten wegzulassen.
Meine Mutter schreitet ein. Sie beaufsichtigt mich, zwingt mich, meinen Teller leerzuessen, kontrolliert, was ich nach dem Essen mache.
Verdammt, hat sie jetzt doch was gemerkt???

Ich mache ausgedehnte Spaziergänge, weil meine schlechte Kondition Joggen nicht zulässt.
Habe einen Weg, der mich am Anfang in knapp zwei Stunden auf verschiedenen Wegen dreimal in die Stadt hinunter und über einen enormen Höhenunterschied wieder nach oben führt.
Am Ende brauche ich dafür nur noch die Hälfte der Zeit.

3
Sie wird immer dünner und blasser, sieht allmählich richtig krank aus.
Ich beneide sie.

In einer Pause stehen wir zufällig nebeneinander an den Waschbecken.
Ich betrachte möglichst unauffällig unsere Gesichter im Spiegel, vergleiche, wer schlechter aussieht.
Beschließe, dass es bei mir noch nicht schlimm genug ist.

4
"Jetzt bleiben Sie doch mal eine Stunde sitzen! Müssen Sie wirklich dreimal pro Unterrichtsstunde aufs Klo gehen???"
Unser Mathelehrer ist verärgert.
Babette bringt es fertig, mehrmals pro Stunde urplötzlich aufzustehen und aus dem Raum zu rennen, kommt Ewigkeiten später wieder zurück. Kaum hat sie sich auf ihrem Platz niedergelassen, springt sie wieder auf.
"Sie hat eine Magen-Darm-Grippe", sagt ihre beste Freundin entschuldigend.

Eine Woche später fragt unser Lehrer, nachdem Babette wieder mal aus dem Raum gestürzt ist, nur noch erstaunt: "Immer noch Magen-Darm?"
"Nein, sie trinkt einfach viel. Schwache Blase. Oder Blasenentzündung."
"Aha."

5
Am letzten Schultag der 11. Klasse vor den Sommerferien sehen wir uns zum letzten Mal.
Babette wird in eine andere Stadt umziehen.

Für ihren letzten Auftritt hat sie sich einen kurzen Rock ausgesucht, aus dem ihre Beine wie Stecken ragen, die Knie sind unförmige große Knochenknubbel.
Ihr starres Gesicht ist völlig überschminkt; der glitzernd rote Mund saugt gierig an einer Zigarette.
In der Hand hält sie ihr Zeugnis.
Sie hat die Klasse ganz knapp bestanden, wäre beinahe sitzengeblieben.

Ich stehe wieder etwas abseits der anderen.
Selbst im Hochsommer trage ich weite, lange Klamotten, weil ich es nicht wage, meinen abgemagerten Körper zu zeigen.
Noch bin ich zu "fett".
Ich betrachte die beiden Dokumente, die mir meine Klassenlehrerin überreicht hat:
Das Zeugnis der Klassenbesten.
Ein Preis mit Buchgutschein für meine herausragenden Leistungen.

Wer hat gewonnen?