Kinderarzt

Kinderarzt

Ich bin gerade 14 geworden.
Meine Mutter hat für uns einen Termin beim Kinderarzt vereinbart. Seit ich von diesem Termin weiß, versuche ich, noch mehr zu hungern. Am Tag des Termins trinke ich nichts, um nicht noch schwerer zu sein. Ich bin so aufgeregt, habe Angst, dass er wieder nichts merkt, weil es immer noch nicht schlimm genug ist.
Im Untersuchungszimmer nimmt meine Mutter neben dem Schreibtisch Platz und schaut zu, wie ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehe und eine Arzthelferin mich wiegt. Mein Kinderarzt hat eine dieser alten nicht-elektronischen Waagen, auf denen man Gewichte hin- und herschieben muss. Ich frage mich jedesmal, wie man da überhaupt ein genaues Gewicht ablesen kann. Sehe der Helferin zu, wie sie mit geübten Griffen die Gewichte verschiebt, auf das Einpendeln der Waage wartet. Ich kann nicht erkennen, bei welchem Gewicht die Waage schließlich im Gleichgewicht bleibt. Während ich noch rätsle, spüre ich das Ende des Maßbands auf dem Kopf - "Kopf gerade bitte!" Ich mache mich möglichst groß. Je größer ich bin, desto mehr "darf" ich wiegen.
Danach lasse ich mich in meiner Unterwäsche frierend auf dem Rand der Untersuchungsliege nieder. An meinen Armen bildet sich eine Gänsehaut, draußen ist es Sommer.
Meine Mutter beobachtet mich von ihrem Stuhl aus argwöhnisch. Ich weiche ihrem Blick aus.
Der Kinderarzt ist ein verschlossener Mann Mitte vierzig. Er trägt keinen weißen Kittel, sondern Strick-Pullover in gedeckten Farben mit V-Ausschnitten. Jedesmal.
Die Begrüßung fällt kurz aus. Er lässt sich auf seinem Platz nieder und schlägt meine Patientenakte auf. Ich erkenne das Schaubild, in das die Helferin bereits Größe und Gewicht eingetragen hat. Die Kurve, die mein Gewicht darstellt, verläuft immer flacher und verlässt seit heute den schraffierten Bereich, der wohl das "Normale" darstellt.
Ich beobachte den Arzt angespannt. "Alles noch im Rahmen", sagt er schließlich, "hatte sie einen Infekt, Fieber?" "Nein, sie nimmt nur immer weiter ab!" sagt meine Mutter, "sie-" Er unterbricht sie, steht auf, um mich zu untersuchen. Er schaut schweigend in meinen Mund, in meine Ohren, hört mit dem Stethoskop auf mein Herz, meine Lungen, tastet kurz meinen Bauch ab. "Alles in Ordnung."
"Sie isst fast nichts mehr."
"Körperlich ist alles ohne Befund", sagt er und kritzelt weiter in die Akte. Ich greife nach meinen Klamotten und ziehe mich wieder an.
"Noch Bauchschmerzen?"
Die Frage geht eher an meine Mutter als an mich. Ich frage mich, wieso ich überhaupt mitgekommen bin. Sie nickt, er kritzelt seine Unterschrift unter eine Überweisung zu einer Sonographie. "Mir ist morgens oft so schwindelig", sage ich leise.
"Das ist die Pubertät", stellt er fest, "schon mal mit Kreislauftropfen probiert?"
Er füllt eins dieser rosaroten Rezeptformulare aus, drückt es meiner Mutter in die Hand.
"Morgens 10 Tropfen."
Er versteht nichts. Er sieht nichts. Ich verstehe nur, dass es mir noch nicht schlecht genug geht, um Hilfe zu bekommen. Ich sehe, dass die Zahlen noch nicht niedrig genug sind. Ich sehne mich nach jemandem, mit dem ich einmal ganz offen reden könnte. Aber dieser Kinderarzt ist wohl offensichtlich der falsche Mensch dafür.
Auf dem Weg nach Hause schlucke ich die Tränen runter, damit meine Mutter nichts merkt.