Geschichte

Wann wurde "pro ana" erfunden?

Vermutlich gibt es "pro ana" schon so lange wie die Magersucht selbst. Denn "pro ana" ist ein Teil der Magersucht. Es gehört zur Symptomatik, am krankhaften Abnehmen bis ins gefährliche Untergewicht etwas Positives zu sehen und dies zu wollen.

Bevor es das Internet gab, gab es wenig Austausch unter Magersüchtigen.

Das lag zum einen daran, dass viele Magersüchtige im realen Leben Kontakt mit anderen vermeiden, weil sie in gewisser Weise eine Konkurrenz darstellen, die es immer zu über- bzw. besser: unterbieten gilt. Wer kennt nicht aus der eigenen Schulzeit die isolierten Magersüchtigen auf dem Schulhof?

Zum anderen lag es daran, dass es damals kaum Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Betroffenen gab. Es war z.B. ohne Internet unmöglich, Betroffene in einer weit entfernten Stadt zu finden und dabei anonym zu bleiben.

Was jedoch schon immer von Magersüchtigen genutzt wurde, waren Informationsquellen aller Art: Zeitschriften mit Berichten über Magersüchtige und Bildern mit dünnen Menschen; Jugendbücher, Romane und Fachbücher über Magersucht, an die man jedoch oft nur über die Stadtbibliothek kam - nur wenige wagten es, in einer Buchhandlung nach Büchern über Magersucht zu fragen und sich diese bestellen zu lassen. Dieses Material wurde von vielen in einem Buch oder Ordner gesammelt.

Magersüchtige haben ihr Leben bereits vor dem Internet dokumentiert, indem sie Tagebücher führten, Gedichte und Geschichten schrieben, sich Kalorientabellen anlegten, Gewichtsverläufe zeichneten. Was jedoch nicht möglich war, war der Austausch darüber mit anderen Betroffenen.

Letztlich war eine Magersüchtige mir sich und der Krankheit völlig allein.

Das Internet veränderte diese Situation erheblich, indem es die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten verbesserte - was Vor- aber auch Nachteile hat:

Es wurde wesentlich einfacher, anonym andere Betroffene auf der ganzen Welt zu finden und sich mit ihnen auszutauschen.
Das half vielen aus der Isolation. Man konnte sich gegenseitig dazu ermutigen, sich Hilfe zu suchen und anderen davon berichten. Man konnte sein Tagebuch und seine gesammelten Informationen mit anderen teilen.
Es war aber jetzt auch leichter möglich, sich gegenseitig noch weiter in die Krankheit zu ziehen. Konkurrenz findet nicht nur auf Schulhöfen, sondern auch im Internet statt.

Es gab plötzlich eine Unmenge von leicht zugänglichen Informationen zu den Themen Ernährung, Diät, Essstörungen etc., aber auch zu Therapiemöglichkeiten, was die Schwelle senkt, diese in Anspruch zu nehmen.
Viele dieser Informationen tragen aber auch dazu bei, ein gefährliches Untergewicht mit schädlichen Maßnahmen und Mitteln zu erreichen.

Entwicklung ab etwa 2000

Die "Pro-Ana-Bewegung" im eigentlichen Sinne ist im englischsprachigen, v.a. amerikanischen Internet, entstanden und hat sich von dort auch ins deutschsprachige Internet ausgebreitet.
Wie lange Pro-Ana-Seiten schon im Internet existieren, ist nicht festzustellen, jedoch fand Mitte 2002 ein fast explosionsartiger Boom dieser Seiten im deutschsprachigen Internet statt.
Als "pro ana" in ab 2006 vermehrt durch die Presse ging (taz, Bild, Spiegel), stiegen die Besucherzahlen und das Interesse an diesen Seiten rapide an. Die Intention der Medien, vor der Bewegung zu warnen, ist nach hinten losgegangen.

Im deutschsprachigen Internet soll alles mit einer Diskussionsgruppe bei Yahoo, dem "Diet Coke Club", begonnen haben, der 1998 gegründet und später von Yahoo geschlossen wurde. Einige Userinnen, die sich heute in den Pro-Ana-Foren treffen, waren bereits im Diet-Coke-Club dabei, die meisten Mitglieder kamen aber erst in den letzten Jahren dazu.

In der Hochphase von "pro ana" zwischen 2002 und 2007 schienen im Internet Hunderte deutschsprachiger "pro ana"-Foren, mit unterschiedlichen Zielgruppen und -setzungen, zu existieren; die Mitgliederzahlen bewegten sich zwischen 2 und 2000.

Viele der deutschsprachigen Foren und Seiten sind inzwischen von den Providern aus dem Netz genommen worden, mit dem Hinweis auf das Jugendschutzgesetz - die amerikanischen Seiten vermehren sich jedoch ungehindert und nehmen an Popularität zu.

Zahlreiche Anbieter von Webspace oder Forensystemen sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, Seiten und Foren mit "pro ana"-Inhalten zu verbieten oder gar kommentarlos zu löschen, darunter als einer der ersten YAHOO!, es folgten Oyla, forumromanum, (...) und in letzter Zeit verschickte sogar myblog zunehmend Hinweis-Mails an die Besitzerinnen von "pro ana"-Blogs, ihre Seiten mit einem persönlichen Passwort zu versehen.

Am 8.1.2008 kam es schließlich erstmals zu einer Indizierung eines "pro ana"-Blogs durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM).