Abgrenzungen

Oft ist es nicht so einfach, eine psychische Auffälligkeit, die sich in erster Linie und nach außen hin durch gestörtes Essverhalten und ein auffälliges Gewicht zeigt, nach den gängigen Diagnosekriterien einzuordnen.

Im deutschsprachigen Raum werden Krankheiten, so auch die Essstörungen, nach den diagnostischen Leitlinien der ICD-10 kategorisiert. ICD-10 ist eine beschreibende Sammlung von Symptomen und hat wenig mit dem Stand der Forschung, klinischer Theorie und der zugrundeliegenden Ätiologie zu tun!
Essstörungen sind dort nur teilwese beschrieben:
Im Kapitel sind nur die Bulimie und die Anorexie eindeutig erfasst. Die meisten Patienten zeigen aber Verhaltensweisen aus verschiedenen Formen der Eßstörungen und fallen dadurch unter „Sonstige Essstörungen“, werden aber oft der Einfachheit halber unter Bulimie oder Anorexie verschlüsselt.

Magersucht (Anorexia nervosa): F50.0, auch in Verbindung mit F50.5 (Erbrechen bei anderen psychischen Störungen)
Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa): F50.2, oft in Vebindung mit F50.3 und F50.0
Binge Eating: im ICD-10 nicht erwähnt, in der amerikanischen DSM-IV Kandidatenstatus
Alle anderen Störungen werden unter "Sonstige Essstörungen" F50.8, F 50.9 oder F50.4 codiert. Sie werden in der Praxis oft durch Kombination mit Schlüsseln anderer Erkrankungen umschrieben.

Während das in Deutschlang gebräuchliche ICD-10 fast schon dazu zwingt, immer eine Wahl zwischen "Anorexia nervosa" und "Bulimia nervosa" mit der Unterform "atypisch" zu treffen, falls nichts so ganz passt (wie meistens?), bietet das im amerikanischen Sprachraum eher eingesetzte DSM-IV auch die Möglichkeit, die Diagnose EDNOS (Eating Disorder Not Otherwise Specified) zu vergeben.

ICD-10

F50.2 Bulimia nervosa

Medizinische Definition
Die Bulimia nervosa (Bulimie) ist durch wiederholte Anfälle von Heißhunger (Essattacken) und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert. Dies veranlaßt die Patientin, mit extremen Maßnahmen den dickmachenden Effekt der zugeführten Nahrung zu mildern. Der Terminus bezieht sich nur auf die Form der Störung, die psychopathologisch mit der Anorexia nervosa vergleichbar ist. Die Alters- und Geschlechtsverteilung ähnelt der Anorexia nervosa, das Alter bei Beginn liegt geringfügig höher. Die Störung kann nach einer Anorexia nervosa auftreten und umgekehrt. So erscheint eine vormals anorektische Patientin nach einer Gewichtszunahme oder d urch Wiederauftreten der Menstruation zunächst gebessert, dann aber stellt sich ein schädliches Verhaltensmuster von Heißhunger (Essattacken) und Erbrechen ein. Wiederholtes Erbrechen kann zu Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen führen (Tetanie, epileptische Anfälle, kardiale Arrhythmien, Muskelschwäche), sowie zu weiterem starken Gewichtsverlust.

Diagnostische Leitlinien

  1. Eine andauernde Beschäftigung mit Essen, eine unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln; die Patientin erliegt Eßattacken, bei denen große Mengen Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden.
  2. Die Patienten versucht, dem dickmachenden Effekt der Nahrung durch verschiedene Verhaltensweisen entgegenzusteuern: selbstinduziertes Erbrechen, Mißbrauch von Abführmitteln, zeitweilige Hungerperioden, Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika. Wenn die Bulimie bei Diabetikerinnen auftritt, kann es zu einer Vernachlässigung der Insulinbehandlung kommen.
  3. Die psychopathologische Auffälligkeit besteht in einer krankhaften Furcht davor, dick zu werden; die Patientin setzt sich eine scharf definiertee Gewichtsgrenze, weit unter dem prämorbiden, von Arzt als optimal oder "gesund" betrachteten Gewicht.
  4. Häufig läßt sich in der Vorgeschichte mit einem Intervall von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren eine Episode einer Anorexia nervosa nachweisen. Diese frühere Episode kann voll ausgeprägt gewesen sein oder war eine verdeckte Form mit mäßigem Gewichtsverlust und/oder einer vorübergehenden Amenorrhoe.

DSM-IV

307.50 EDNOS

Diagnostische Kriterien nach DSM-IV

EDNOS ist eine Abkürzung für "Eating Disorder Not Otherwise Specified".

Unter diesem Krankheitsbild (spezifiziert unter dem Diagnoseschlüssel 307.50 des DSM-IV und dem Schlüssel F50.9 des ICD-10) werden jene Essstörungen zusammengefasst, die entweder eine Mischform aus Anorexie, Bulimie und Adipositas darstellen oder nicht eindeutig einer dieser Störungen zuzuordnen sind. Dazu gehören beispielsweise:

  • Frauen, die die Kriterien von Anorexie erfüllen, aber noch regelmäßige Menstruationsblutungen haben
  • wenn alle Kriterien der Anorexie erfüllt sind, aber trotz deutlichem Gewichtsverlust immer noch Normalgewicht vorliegt (über 17,5)
  • wenn eigentlich die Kriterien für Bulimie erfüllt sind, aber "Binge Eating"-Anfälle oder inadäquates Verhalten nach dem Essen seltener als 2x/Woche oder über einen kürzeren Zeitraum als von 3 Monaten auftreten
  • bei normalem Körpergewicht inadäquates Verhalten nach der Aufnahme normaler Nahrungsmengen (z. B. selbstinduziertes Erbrechen nach dem Essen von 2 Keksen)
  • große Mengen von Nahrung werden gekaut und danach ausgespuckt, aber nicht geschluckt
  • Binge-eating disorder