Diagnosekriterien

Es gibt weltweit zwei anerkannte Kataloge oder auch Manuale, nach denen Krankheiten klassifiziert werden und die als Grundlage für die Diagnostik dienen.
In Deutschland ist vor allem die Einordnung nach ICD-10 (International Classification of Diseases) üblich, im amerikanischen Sprachraum eher das DSM-IV (Diagnostic and Statistic Manual).

Ärzte, Psychologen und Therapeuten müssen v.a. für die Abrechnung mit den Krankenkassen eine Diagnose aus dem ICD-10 vergeben, auch wenn die dort genannten Punkt nicht immer zutreffen mögen.

Beim Lesen solcher Klassifikationsschemata sollte man immer bedenken, dass diese Einteilungen und Abgrenzungen zu anderen Störungsbildern in vielen Punkten künstlich geschaffen wurden, Stichwort "Schubladendenken".
In der Realität gibt es häufig fließende Übergänge; einige Kriterien können im Einzelfall nicht zutreffen, obwohl dennoch eindeutig eine Essstörung vorliegt.
Es ist zu erwarten, dass im kommenden ICD-11 auch die Gruppe der Essstörungen (F 5) neu definiert und eingeteilt wird - vielleicht wird sogar die künstliche Trennung zwischen Anorexie und Bulimie, an der sich auch viele Betroffene stören und die sich aufgrund der häufig stattfindenden Übergänge als unzureichend erwiesen hat, aufgegeben.

ICD-10

F50.0 Anorexia nervosa

Medizinische Definition
Die Anorexia nervosa ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Am häufigsten ist die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen; heranwachsende Jungen und junge Männer sind wie Kinder vor der Pubertät und ältere Frauen bis zur Menopause wesentlich seltener betroffen.
Obwohl die Ursachen der Anorexia nervosa noch wenig faßbar sind, wächst die Überzeugung, daß vor allem eine Interaktion soziokultureller und biologischer Faktoren sowie auch unspezifische psychologische Mechanismen und die Vulnerabilität der Persönlichkeit eine Rolle spielen. Mit der Erkrankung ist eine Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades verbunden, die sekundär zu endokrinen und metabolischen Veränderungen sowie anderen körperlichen Funktionsstörungen führt. Es bleiben einige Zweifel, ob die charakteristische endokrine Störung durch die Unterernährung und als direkte Folge der verschiedenen zugrundeliegenden Verhaltensweisen (z.B. eingeschränkte Nahrungsauswahl, exzessive Sportbetätigung und Änderung der Körperbeschaffenheit, induziertes Erbrechen und Abführen mit der Folge von Elektrolytentgleisungen) aufzufassen ist, oder ob andere noch ungeklärte Faktoren eine Rolle spielen.

Diagnostische Leitlinien

  1. Tatsächliches Körpergewicht mindestens 15 % unter dem erwarteten (entweder durch Gewichtsverlust oder nie erreichtes Gewicht) oder Quetelets-Index von 17,5 oder weniger. Bei Patienten in der Vorpubertät kann die erwartete Gewichtszunahme während der Wachstumsperiode ausbleiben.
  2. Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch:
    • Vermeidung von hochkalorischen Speisen; sowie eine oder mehrere der folgenden Verhaltensweisen;
    • selbst induziertes Erbrechen;
    • selbst induziertes Abführen;
    • übertriebene körperliche Aktivitäten;
    • Gebrauch von Appetitzüglern oder Diuretika.
  3. Körperschema-Störung in Form einer spezifischen psychischen Störung: die Angst, zu dick zu werden, besteht als eine tiefverwurzelte überwertige Idee; die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst fest.
  4. Eine endokrine Störung auf der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse. Sie manifestiert sich bei Frauen als Amenorrhoe und bei Männern als Libido- und Potenzverlust. (Eine Ausnahme ist das Persistieren vaginaler Blutungen bei anorektischen Frauen mit einer Hormonsubstitutionsbehandlung zur Kontrazeption.) Erhöhte Wachstumhormon- und Kortisolspiegel, Änderungen des peripheren Metabolismus von Schilddrüsenhormonen und Störungen der Insulinsekretion können gleichfalls vorliegen.
  5. Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklungsschritte verzögert oder gehemmt (Wachstumsstopp; fehlende Brustentwicklung und primäre Amenorrhoe beim Mädchen; bei Knaben bleiben die Genitalien kindlich). Nach Remission wird die Pubertätsentwicklung häufig normal abgeschlossen, die Menarche tritt aber verspätet ein.

DSM-IV

307.1 Anorexia nervosa

Diagnostische Kriterien nach DSM-IV

  1. Weigerung, das Minimum des für Alter und Körpergröße normalen Körpergewichtes zu halten (z.B. der Gewichtsverlust führt dauerhaft zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts; oder das Ausbleiben einer während der Wachstumsperiode zu erwartenden Gewichtszunahme führt zu einem Körpergewicht von weniger als 85 % des zu erwartenden Gewichtes.)
  2. Ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu werden, trotz bestehenden Untergewichts.
  3. Störung in der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts, übertriebener Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung, oder Leugnen des Schweregrades des gegenwärtigen geringen Körpergewichts.
  4. Bei postmenarchealen Frauen das Vorliegen einer Amenorrhoe, d.h. das Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen (Amenorrhoe wird auch dann angenommen, wenn bei einer Frau die Periode nur nach Verabreichung von Hormonen , z.B. Östrogenen, eintritt).

Wir unterschieden zwei Typen der Magersucht:

Restriktiver Typus:
Während der aktuellen Episode der Anorexia nervosa hat die Person keine regelmäßigen "Fressanfälle" gehabt oder hat kein "Purging"-Verhalten (das heißt selbst-induziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxanzien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt.

"Binge-Eating/Purging"-Typus:
Während der aktuellen Episode der Anorexia nervosa hat die Person regelmäßig "Fressanfälle" gehabt und hat "Purging"-Verhalten (das heißt selbst-induziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxanzien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt.