Nolita

Anlässlich der Mailänder Modewoche hatte Toscani ein Foto des an Magersucht leidenden Modells Isabelle Caro entworfen, das seitdem zahlreiche Plakatwände von Mailand bis Rom ziert. Mit "No. Anorexia" wollte er auf die Problematik des Schlankheitswahns, der "in den meisten Fällen durch von der Modeindustrie geschaffene Stereotype entsteht", aufmerksam machen, teilte Nolita mit.

Isabelle Caro selbst zählt darauf, dass die Kampagne Jugendliche wachrüttelt und vor der potenziell tödlichen Krankheit schützen hilft. Die Präsidentin des italienischen "Verbandes zur Erforschung der Magersucht" hält sie jedoch für falsch. Fabiola De Clercq argumentiert, dass die "übertrieben krasse" Abbildung junge Mädchen keinesfalls abschrecke, sondern viel mehr zur Nachahmung verführe.

Die Kampagne gegen Magersucht ist inzwischen in Italien verboten worden. Die italienische Werbeaufsichtsbehörde IAP befand: "Werbung muss die Würde des Menschen in all ihren Formen respektieren." Gegen diesen Grundsatz verstoße die Abbildung des ausgemergelten Frauenkörpers. Toscani hat bereits angekündigt: "Ich werde vor Gericht ziehen und moralischen und materiellen Schadenersatz fordern."

Toscani über Isabelle Caro, die inzwischen professionell und erfolgreich ihr neues Image vermarket:
"Sie ist nicht Isabelle Caro", sagt er. "Sie ist ein Prototyp, mehr nicht. Sie ist Anorexie. Und wie alle Magersüchtigen ist sie hypernarzisstisch."

Falls seine Kampagne tatsächlich eine Botschaft hat, so ist sie verwirrend bis zur Obszönität. Der französische Autor Jean- Philippe de Tonnac, der in seiner Jugend selbst unter Anorexie litt, bescheinigt sowohl Toscani als auch Caro "zweideutige Naivität. Entweder richtet sich die Kampagne an all jene, die bereits krank sind oder im Begriff, es zu werden. Sie werden sich nicht durch die so hehren Motive des Fotografen und seines Models von ihrem Weg abbringen lassen. Oder sie richtet sich an Jugendliche, an Eltern, ans Krankenhauspersonal, um sie aufmerksam zu machen auf ein Übel, dessen Folgen durch den fleischlosen Körper Caros illustriert werden. Aber Anorexie ist nicht ansteckend, sondern steckt tief in der Geschichte des Kranken. Diese Reklame bedient nur die Verlogenheit, mit der über den mageren Leib gesprochen wird, während er zugleich von der Mode in Szene gesetzt wird.

Isabelle Caro selbst führt inzwischen einen Blog („Tagebuch“) mit täglichen Einträgen und Fotos über ihre „Karriere als selbsternannter Botschafterin der Magersüchtigen“:
neigeisabelle

Im STERN ist im November 2007 ein Artikel über sie mit zahlreichen provozierenden Fotos erschienen.
Isabelle Caro: Eine Frau zwischen Leben und Tod

Auch DIE WELT titelte:
Isabelle Caro:Wie eine Magersüchtige ihre Krankheit vermarktet