Sacred Texts

Die "Sacred Texts" sind eine ursprünglich englischsprachige Sammlung von Texten ungeklärter Herkunft:

  • Letter from Ana - Brief von Ana
  • Letter to Ana - Brief an Ana
  • Ana Creed - Ana Glaubensbekenntnis
  • Ana Psalm - Ana Psalm
  • 10 commandments - 10 Gebote

In den Texten geht es darum, wie die Krankheit Magersucht zu einer Betroffenen spricht und umgekehrt.
Leid, Qualen, Abhängigkeit und Verzweiflung werden eindrücklich geschildert.

Von der Form und Struktur her sind manche Texte an religiöse Texte (Glaubensbekenntnis, 10 Gebote, Psalm) angelehnt.

Es kursiert die Vermutung, die Texte seien ursprünglich von einer Magersüchtigen im Rahmen ihrer Therapie geschrieben worden. Die Texte seien Teil eines therapeutischen Prozesses gewesen und dienten dazu, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die Krankheit Magersucht mit einem macht.
Auch heute wird der "Brief an die Magersucht" noch oft als therapeutisches Mittel angewandt.

Oberflächlich betrachtet kann man manche der Texte auch vermeintlich als "professionelle Anleitung in die Anorexie" lesen - eine Rezept zum Verhungern.
Schaut man tiefer, sind sie ein Zeugnis von Traurigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung.

Diese (und weitere ähnliche) Texte waren der Hauptgrund, warum die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien einen deutschen "pro ana"-Blog auf den Index gesetzt hat. Sie werden in der Urteilsbegründung aufgeführt.

Für mich und viele andere ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar.
Denn bei näherer Betrachtung sind diese Texte alles andere als "attraktiv und verführerisch", sondern "schockierend und abschreckend".

Die Texte lesen sich wie traurige und verzweifelte Selbstzeugnisse aus dem Inneren von Magersüchtigen, die schon lange in der Krankheit gefangen sind, und die versuchen, ihren verwirrenden und oft widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
Dies tun sie auf eine Weise, in der sie nicht auf den ersten Blick das Opfer sind, sondern scheinbar noch die völlige Kontrolle haben.

Diese Texte sind die Darstellung der bei Magersüchtigen von Anfang an automatisch ablaufenden Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen - nicht die Anleitung dazu.
Jede Magersüchtige kennt diese Gedanken - und zwar bereits, bevor sie jemals diese Texte gelesen hat. Sie wird sich darin wiedererkennen, wird erschrecken, wird mit dem konfrontiert, was die Krankheit schon lange mit ihr tut - aber niemand, der nicht vorher schon krank war, wird diese Texte als Anleitung dazu verstehen, magersüchtig zu werden.

Uns ist niemand bekannt, der diese Briefe und Gebote wortwörtlich ernst nimmt und befolgt;, keine Magersüchtige rezitiert jeden Morgen vor dem Spiegel das "Ana Glaubensbekenntnis" – wenn, dann deshalb, weil sie diese "Regeln", die Teil und Symptome der Krankheit Magersucht sind, sowieso schon lange verinnerlicht hat und ihre eigenen Worte dafür gefunden hat.
Die meisten Magersüchtigen verehren diese Regeln nicht, sondern sind erschrocken, wie lange sie schon unbewußt damit leben!

Diese Texte sind keine Anleitung zum Krankwerden, sondern eine Anregung zum Nachdenken – für Betroffene genauso wie Nicht-Betroffene, weil letztere vielleicht anhand dieser Texte zum ersten Mal wirklich nachempfinden können, wie sich eine Magersüchtige fühlt. Diese Texte geben einen authentischeren Einblick in die Krankheit, als es sachliche und wissenschaftliche Darstellungen jemals könnten.

Die "Sacred Texts" finden sich, im englischen Original und unter der Überschrift "Sacred Texts" (die ich so übernommen habe), abgedruckt im Buch Ana's Girls: The Essential Guide to the Underground Eating Disorder Community Online von Eda R. Uca, das 2004 bei authorhouse erschienen ist.
Eda R. Uca hat sie jedoch nicht "erfunden", sondern auch nur gesammelt.

Reaktionen und Meinungen von Mitgliedern des "pure"-Forums:

„Also wenn ich ein junges unerfahrenes Ding wäre, das sich überlegt doch mal „mit Magersucht abzunehmen“ und ich würde auf so einen Brief stoßen, würde ich es mir noch mal überlegen. Wer wünscht sich denn bitte ernsthaft so eine Freundin? Ebenso bei den Geboten oder dem Glaubensbekenntnis. Ich würde denken: "Wie? Ich soll mich hassen und fett fühlen? Was bringt mir das alles dann überhaupt?" Ich habe diese ganzen Texte immer als sehr erschreckend empfunden.“
(L.)