Magersucht wächst sich aus

Vor zwei Wochen war ich auf einer Psychosomatik-Tagung. Dort wurden auch Workshops angeboten, sechs verschiedene, zu den unterschiedlichsten Krankheitsbildern und Therapieformen. An der Anmeldung fragte mich die Sekretärin, in welchen ich denn möchte, und noch bevor ich antworten konnt, sagte sie: "Aber der Essstörungs-Workshop ist schon voll!" In diesem Moment fiel mir auf, dass das wohl das erste Mal war, dass mich so ein Workshop überhaupt nicht interessiert hat - ich hatte mich innerlich schon längst für "Kunsttherapie" entschieden.

Einer der Vorträge hatte die Therapie von Magersucht zum Thema. Ich ertappte mich bereits nach fünf Minuten beim Gähnen. Und es ließ es mich seltsam unberührt und kalt, als die Referentin sagte: "Erst neulich hatten wir wieder eine Frau mit einem BMI von 10."
Noch vor einem Jahr hätte ich während des ganzen Vortrags Herzklofen gehabt und wäre vor Neid auf diese kranke Frau fast gestorben.
Noch vor einem Jahr hätte ich vor der Tagung gehungert, um möglichst dünn auszusehen.

Im Moment weiß ich nicht mal, was ich wiege.
Sicherlich befinde ich mich nach wie vor im Untergewicht, aber wohl nicht unter den "magischen 17,5", und schon lange hat mir niemand mehr gesagt, dass ich krank oder magersüchtig aussehe. Die meisten finden mich dünn, aber nicht zu dünn. Sie sagen, es passt zu mir. Ich sei eben von Natur aus so.
Manchmal sehe ich mich im Spiegel und finde mich selber zu dünn, aber ich sehe mich mit anderen Augen als früher.
Manchmal sehe ich meine Freundinnen an und beneide sie um ihre weibliche Figur.

Ich fühle mich in meinem Körper wohl, so wie ich gerade bin.
Ich bin körperlich fit und leide nicht mehr dauernd unter Kreislaufproblemen.
Ich muss im Hochsommer keine dicken Pullover mehr tragen, um nicht zu erfrieren.
Ich esse, wenn ich Hunger habe und worauf ich Lust habe.
Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag zu kochen und bin begeistert von meiner neuen Heißluft-Mikrowellen-Grill-Kombination, nachdem ich jahrelang ohne Herd, Backofen und Kühlschrank gelebt habe.
Ich habe schon seit über einem Jahr keine Abführmittel mehr genommen und alles funktioniert bestens.

Ich habe mal gelesen, der wichtigste Faktor für die Heilung/Besserung einer Magersucht sei das Alter der Patientin. Mit anderen Worten: "Die Magersucht wächst sich aus", aber ich habe das nie glauben können.
Eine drei Jahre ältere Freundin, die ich in einem Essstörungsforum kennengelernt habe, hat mir schon vor Jahren genau das gleiche von sich erzählt, aber damals habe ich sie ungläubig angesehen und konnte mir nicht vorstellen, dass es mir mal genauso gehen würde.
Aber es ist, als wäre die Magersucht verblasst und hätte sich still, leise und schweigend aus meinem Leben zurückgezogen.

Nein, natürlich bin ich nicht "normal".
Ich bin zu dünn, wenn ich nicht mehr so sehr, aber ich verschwende nicht mehr jede Sekunde damit, über Essen und Kalorienverbrauch nachzudenken.
Ich kann damit leben, mich wochenlang nicht zu wiegen.
Ich kann andere Magersüchtige anschauen, ohne neidisch zu werden, im Gegenteil, ich spüre jetzt eher Mitleid und möchte sagen: "Mädels, hört auf damit, es bringt nichts." Aber ich weiß, dass es keinen Sinn hat, weil vielleicht jede da selber durch muss. Nur muss man vielleicht nicht ganz unten gewesen sein, um wieder herauszukommen. Ich musste es jedenfalls nicht.

Ich hatte kein "Schlüsselerlebnis", das mir quasi "die Augen geöffnet" und mich geheilt hat.
Ich mache zur Zeit keine Therapie, die diesen Sinneswandel herbeigeführt haben könnte.
Vieles in meinem Leben läuft nicht gut; ich möchte in meinem erlernten Beruf nicht mehr arbeiten; im Moment habe ich keine echte Perspektive.
Es ist also nichts in meinem Leben passiert, was diesen Wandel begründet, und doch ist es so.
(Vielleicht glaube ich deswegen jetzt noch mehr, dass eine spezielle Essstörungs-Therapie sowieso nicht wirklich hilft - sie ändert vielleicht etwas an den Symptomen, aber nichts an den Gefühlen der Magersucht gegenüber ganz tief drinnen.)

Immer öfter habe ich das Gefühl, gerade in der Pubertät anzukommen.
Ich trage meine langen Haare stets offen, mit einer pinkfarbenen Extension und Glitzersteinchen darin, dazu himbeerfarbene Chucks.
Ich merke, wie ich innerlich rebelliere gegen die Vorstellungen meiner Eltern(generation) und dass ich den angestrebten Karriere-Lebenslauf längst gecancelled habe.
Ich möchte endlich wissen, was ich in puncto Sex verpasst habe und stelle meinen Freundinnen bescheuerte Fragen, über die wir uns dann gemeinsam totlachen.
Manchmal bin ich sehr frech und mutig und ziehe mir den Ärger anderer Leute zu - who cares, ich war mein ganzes Leben brav!
Vielleicht ist es wirklich so, dass die Magersucht einen innerlich einfriert, bevor man wirklich in der Pubertät ankommt, und das jetzt das Eis zu schmelzen beginnt und mich frei gibt?