Ambivalenz der Anorexie

Ambivalenz

Unter dem von Eugen Bleuler geprägten Begriff der Ambivalenz - von griech. ambo (beide) und valere (gelten) - wird in der Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie und Psychoanalyse das nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen, Gedanken und Wünschen verstanden. Es handelt sich hiermit also um ein "Sowohl/Als auch" von Einstellungen, so dass Ambivalenz oft auch als "Doppelwertigkeit" bezeichnet wird. Diese doppelte Wertung ist untrennbar. Dass jedes Ding seine zwei Seiten haben kann, ist mit Ambivalenz nicht gemeint, solange dadurch kein innerer Konflikt hervorgerufen wird. Vielmehr ist darunter eine Dichotomie von Sichtweisen zu sehen, die gegensätzliche Reaktionen bedingen und letztlich die Fähigkeit zu einer Entscheidung im weitesten Sinne hemmen.

Irgendwann fängt man an, sich Aspekte der Magersucht "schön zu reden" – das Design meiner Seite ist ein gutes Beispiel dafür. Psychologisch zu erklären ist das meiner Meinung nach nicht mit "Verherrlichung", sondern eher mit dem Konzept der Kognitiven Dissonanz: Vereinfacht gesagt will man bestimmte Seiten einer Sache nicht sehen oder deutet sie um, damit sie wieder ins Konzept passen.

Am Anfang hatte ich die Worte purity.clarity.control.ana. als "Motto" für diese Website gewählt, weil Anorexie für mich lange Zeit genau das bedeutet hat.
Viele Mädchen, die magersüchtig werden, haben das Gefühl, ihre "Reinheit, Unberührtheit, Unschuld" zu verlieren, wenn sie in die Pubertät kommen und zur Frau werden. Dadurch, daß sie anorektisch werden und versuchen, diese Entwicklung praktisch zu verhindern, versuchen sie auch, Kind zu bleiben.

Wer sich meine Seite ansieht, wird erkennen, daß ich aber nicht nur eine optisch "schöne" Seite gemacht habe, sondern auch die Risiken, Gefahren und Folgen der Krankheit nicht verschweige.
Meine Ambivalenz und innere Zerissenheit zeigen sich an meiner Website vielleicht deutlicher als im realen Leben.
Und der fast schon absurde Perfektionismus einer Magersüchtigen kommt hier besser zum Ausdruck als ich es in vielen Worten und Beispielen erklären könnte.
Die "pure ana"-Website ist vielleicht ein Spiegel meines Inneren. Ein Abbild der Ambivalenz und des Zwiespalts in mir, des Zwangs zu Ordnung und Perfektionismus, des Versuchs, es allen recht zu machen und bloß nirgends anzuecken.
Aber genau damit scheint meine Website einen Nerv zu treffen und die Leserschaft zu spalten (was man auch sehr deutlich an den Reaktionen im Gästebuch und im Forum sehen kann).

Hätte ich eine nette, brave, unauffällige Magersuchts-Seite mit einem Erfahrungsbericht und Warnungen gemacht, so wäre ich zwar jetzt nicht dieser Kritik ausgesetzt – aber ich hätte auch einen Teil von mir komplett verleugnet. Und die Seite würde sicherlich nicht mit dem Interesse gelesen, wie es jetzt der Fall ist.
Viele Magersüchtige im "Anfangsstadium" hätten die Seite nach einem ersten Blick weggeklickt, weil die Folgen der Krankheit sie (noch) nicht interessieren und sie sich (noch) in einem Stadium befinden, in dem man sich nur dafür interessiert, wie man möglichst schnell möglichst viel abnimmt.

Ich schätze Seiten und Communities wie www.Hungrig-online.de sehr, weil sie sich auf das Erkennen kranker Anteile und das "Gesundwerden" konzentrieren und versuchen, hinderliche Faktoren (z.B. das Nennen von Zahlen im Forum und die detaillierte Beschreibung eßgestörten Verhaltens) auszuschalten – aber ich habe mittlerweile das Gefühl, daß diese Seite so professionell, so groß und so streng geworden ist, daß die Schwelle, sich dort umzusehen oder im Forum anzumelden, für viele schon zu hoch ist.

Ich habe nicht die Absicht, mit hungrig-online in Konkurrenz zu treten oder gar "besser" zu sein.
Aber ich würde mich freuen, wenn meine Seite für jemanden hilfreich ist, sei es, um einen Weg aus der Krankheit zu finden oder als Angehöriger jemanden besser zu verstehen.

Gelegentlich wird mir vorgeworfen, ich würde mit meiner Seite zum Magersüchtigwerden anstiften – aber wer sich die Seite nicht nur oberflächlich ansieht, wird bald merken, daß das weder meine Absicht noch der Fall ist.
Ich stelle nur dar, wie Anorexie sein kann. Wie sie für mich und viele andere ist. Ohne etwas zu verschweigen oder zu verleugnen.

Auf dieser Website findet sich kein sogn. "pro ana"-Material (wenn man will, kann man das sehr leicht woanders finden) – und wenn, wäre es kritisch kommentiert.