Birgit Althans & Nino Ferrin

Da sich Birgit Althans & Nino Ferrin erlaubt haben, mich zu ziteren (vielen Dank dafür), gestatte ich mir ebenfalls die Freiheit, einige Teile aus ihrer bemerkenswerten Veröffentlichung "Spielräume des Geschlechtlichen – Sex und Gender im Internet" (in "Pädagogische Medientheorie" von Johannes Fromme, Werner Sesink (Herausgeber), Vs Verlag 2008) zu ziteren.

Die Artikulationen der ‚pro-ana’-Foren diskutierten in kritischer Weise die gesellschaftliche Normierung weiblicher Körperbilder und Geschlechtsidentitäten und präsentierten Formen ihrer „geistigen Travestie“. Die so hergestellte Öffentlichkeit gestaltet sich inzwischen als exklusiv, als mediale Pathologisierung, da die Diskussion der Internetforen in anderen Medien dazu führte, Maßnahmen zur Schließung der bekannten Seiten zu ergreifen. Die breite Öffentlichkeit schloss sich somit selbst aus – pro-ana wiederum verschwand und folgte damit auf der Ebene der medialen Materialisation dem anorektischen Begehren – das Forum verschwand so wie die Körper, die doch gerade davor geschützt werden sollten. Das ist bedauerlich, da die Betrachtung der pro-ana-Seiten zeigte, wie die Offenheit des virtuellen Raumes die übliche Bearbeitungsstrategie aus der therapeutischen Situation löste und sich als Selbstheilung diskursiv inszenierte und ereignete. Die Therapie wurde hier gewissermaßen einer neuen teilöffentlichen Form der Debatte um Normierungen weiblicher Körperbilder und Lebensstile überführt.

Auch wenn bei pro-ana nicht gesprochen, sondern getextet wird, handelt es sich um eine Praxis des Verbalisierens, des ‚Aussprechen’. Dass keiner einer über das Problem aufklärenden Therapie bedarf, das zeigen die detailreichen, informierten, z.T. auch ihre Therapieerfahrung thematisierenden schriftlichen Dialoge der pro-ana-Anhängerinnen. Es geht also lediglich um den Austausch untereinander, um die Partizipation an einer Öffentlichkeit.
(...)
Im Sagen, im Schreiben, in der Kommunikation untereinander im Internet liegt der Schlüssel, mit Hilfe dessen sich den verschwindenden Körpern folgen lässt – dieser Raum sollte nicht von außen verschlossen werden.

Dennoch scheint – trotz dieser fatalen Konstruktion virtueller Transzendenz – die Verbannung der pro-ana-Seiten aus dem Internet problematisch. Denn dies erfüllt nicht nur auf der Ebene der Medialität das offensichtliche Begehren der Anorektikerinnen, körperlich zu verschwinden, sich zu entmaterialisieren. Zusätzlich produziert das Verdikt einen noch versteckteren, heimlicheren Austausch der anorektischen Erfahrungen und ihres Genießens. Auch noch mehr Aufklärung scheint hier der Sache kaum dienlich zu sein.