Die dünnen Mädchen

Die dünnen Mädchen

Deutschland 2008, 94 Min.

Regie: Maria Teresa Camoglio
Mit Sonja, Susanne, Elisa, Lisa, Isi, Karin, Madalena, Anne, Cora, Hilke und Curly

Die dünnen Mädchen, das sind acht junge Frauen zwischen 18 und 29 Jahren, die seit langem an Essstörungen leiden und versuchen, diese zu bekämpfen. Sie haben gehungert bis zur Selbstauflösung und können nicht einfach da mit aufhören. Diagnose: Magersucht. Die Krankheit frisst sich in ihr Leben – bis zur vollständigen Machtübernahme. Maria Theresa Camoglios Film dokumentiert, wie die jungen Frauen wie der eine Beziehung zu ihrem Körper aufbauen, um damit auch die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen.

Kritik:
DIE DÜNNEN MÄDCHEN lässt seine Protagonistinnen ausführlich zu Wort kommen und niemanden sonst. Immer wieder versuchen diese in Interviews und Therapiesitzungen zu erkunden und zu erklären, warum sie sind was sie sind: magersüchtig. Sie sind bereit, ihr Leben zu ändern, und versuchen, ein normales Essverhalten zu erlernen, doch das ist alles andere als einfach.

Die Dokumentation von Maria Teresa Camoglio nähert sich ihnen sehr behutsam. Die Mädchen bringen große Bereitschaft mit, von sich zu erzählen. Wie alles begann, warum sie sich in die teuflische Spirale der Nahrungsverweigerung begeben haben, wie faszinierend die Kontrolle über ihr Leben anfangs war. Dabei fällt auf, dass es für jedes Mädchen einen anderen Auslöser gegeben hat. Bei einer ist die Schwester gestorben, die ihr der liebste Mensch war, eine andere revoltierte gegen ihre Eltern, die andere – eine Medizinstudentin – wollte ihr Herzinfarktrisiko vermindern, indem sie abnahm. Gemeinsam ist, dass sie nicht hungerten, weil sie Modeideale erfüllen wollten.

Viele verschiedene Fragen stellt die Filmemacherin den dünnen Mädchen. Fragen nach der Motivation der Magersucht etwa. Alle stimmen überein, dass ihre Krankheit ein Schrei nach Hilfe ist und ein Versuch, Kontrolle über eine Welt zu erlangen, die zu hart, zu schnell und zu egoistisch für sie ist. Wann haben sie gemerkt, dass sie krank sind? Was haben sie dann unternommen? Wie sind sie mit dem Gefühl des Hungers und der Schmerzen umgegangen? Mit klaren dünnen Stimmen erinnern sich die Mädchen und beschreiben präzise den Verlauf ihrer Krankheit. Berührend dabei ist das hohe Maß an Selbstreflektion, das die Erkrankten an den Tag legen, und sich doch nicht zu helfen wissen. Sonja erinnert sich: "Ich war mir selber egal. Ich konnte mich nie entscheiden, ob ich leben oder sterben wollte." Karin erklärt: "Ich war wie zwei Personen. Ich habe gemerkt, dass mein Körper nicht mehr schön ist, dass ich viel zu dünn bin, aber...da war irgendwie keine Verbindung zu mir. Eine andere sagt: "Ohne die Essstörung bin ich nichts."

Kamerafrau Sophie Maintigneux setzt den Mädchen ein schlichtes aber wirkungsvolles Licht, das die langsam Genesenden in ihrer jugendlichen Schönheit zeigt. Außerdem filmt sie einen Flamenco-Workshop in aller Ausführlichkeit, der ein visuelles Gegengewicht zur Wortlastigkeit des Themas bieten soll. In vielen Großaufnahmen beobachtet die Kamera die Bewegungen der noch recht unsicheren Tänzerinnen. Dies ist eine große Herausforderung für die Mädchen, die alle ein Problem mit ihrem weiblichen Selbstverständnis haben, sich mehr als Kind oder Mädchen denn als Frau fühlen. Der Tanzunterricht soll ihnen helfen, ihre weibliche Seite zu finden, ihren Stolz und ihr Selbstbewusstsein.

Auch Interpretationen von Bildern Edward Munchs, auf denen viele sehr magere Frauenfiguren zu sehen sind, Mini-DV Videotagebücher einzelner Mädchen und gemeinsames Einkaufen und Kochen sind Bestandteile des Films. Ausführlich diskutieren die Mädchen über die Auswahl und Zusammenstellung der Speisen, über Kalorien- und Fettwerte. Letztlich bringt ihnen das gemeinsame Kochen sogar Spaß. Aber ein Rückfall ist immer möglich. Die ehemalige Medizinstudentin Madalena weint vor der Kamera ihres Videotagebuchs, weil sie zugenommen hat. Sie gesteht, dass sie sich noch nachts in der Notfallapotheke Abführmittel besorgt hätte, wenn sie nicht in der Therapieeinrichtung wäre. Die völlig rational kontrollierte tägliche Kalorien- und Fettzufuhr an das natürliche Hungergefühl abzugeben und wieder „normal“ zu essen ist eine langfristige Aufgabe und viele der Mädchen werden ein Leben lang damit beschäftigt sein.

Der Dokumentation DIE DÜNNEN MÄDCHEN gelingt es, ein Verständnis für die Krankheit und deren Symptome zu erlangen, die in den gezeigten Fällen überhaupt nichts mit der oberflächlichen Modewelt und den dürren Models zu tun hat.

Nana A.T. Rebhan