Kinderchirurgie

Kinderchirurgie

1
Dünn ist sie, sehr dünn, das ist das erste, was mir an ihr auffällt.
Das zweite ist ihr blasses, verschlossenes Gesicht, das sie hinter blonden Haarsträhnen verborgen hält.

Sie sind zu dritt in die kinderchirurgische Ambulanz gekommen: Vater, Tochter und Sohn.
Der Vater nimmt auf einem der Stühle neben dem Schreibtisch Platz, der Sohn tigert unruhig durchs Zimmer und betrachtet neugierig Bilder und Spielzeug, die Tochter läßt sich nach der Begrüßung auf dem Rand der Untersuchungsliege nieder.
Das überschlanke Mädchen hat kaum aufgeblickt, als die Ambulanz-Ärztin ihr die Hand gegeben hat, sie blickt die meiste Zeit zu Boden. Jetzt sitzt sie zusammengesunken und mit nach vorne gezogenen Schultern da. Als sie für eine Sekunde meinem Blick begegnet, der über ihren mageren Körper huscht, schaut sie wie unangenehm berührt und ertappt zur Seite.

Die Ärztin hat an ihrem Schreibtisch Platz genommen; ich lehne neben ihr an der Tischkante.
Wir werfen einen kurzen Blick auf das Überweisungsformular:
chronische Bauchschmerzen seit 2 Monaten (Labor und Sono o.B.)
Danach Arztgekritzel, das niemand entziffern kann.
Nadine ist 13 1/2 Jahre alt.

"Was führt sie zu uns?"
Der Vater ist der erste, der redet.
"Sie hat Bauchschmerzen, schon seit Monaten!"
Es klingt wie ein Vorwurf, eine Anklage, eine Forderung an uns.
"Ist das denn jetzt schlimmer geworden?"
"Ja, sie klagt jetzt dauernd, daß ihr der Bauch weh tut."
"Aha. Fieber? Übelkeit? Mal erbrochen?"
"Nicht, daß ich wüßte."
Bei den letzten Worten scheint das Mädchen für einen Moment zusammenzuzucken, sieht aber nicht auf.
Erst jetzt fällt auf, daß bisher nur der Vater geantwortet hat.
"Wie oft kommen die Bauchschmerzen denn? Oder sind die immer da?"
Die Ärztin sieht Nadine an, sie zuckt mageren Schultern, die unter einem langärmligen Shirt, über das sie noch ein T-Shirt gezogen hat, verborgen sind.
"Sind die Schmerzen vielleicht alle vier Wochen da? Für ein paar Tage?"
Die Antwort kommt zögernd. "Nein."
"Hattest Du Deine Periode schon mal?"
Schüchternes Kopfschütteln.
"Schon mal beim Frauenarzt gewesen?"
"Nein, da war sie noch nicht." Wieder der Vater.
Die Ärztin runzelt die Stirn.
„Okay, dann möchte ich Dich jetzt erst mal untersuchen. Leg‘ Dich bitte man hin.“

Der Bauch des Mädchens ist unter den T-Shirt-Schichten noch flacher, als ich erwartet habe. Die Beckenkämme ragen wie kleine Spielzeug-Beile in die Luft.
„Wo sind denn die Schmerzen?“
Nadine zeigt gezielt auf den rechten Unterbauch.
Die Ärztin drückt erst sehr vorsichtig, dann kräftiger auf dem Bauch herum, klopft darauf, läßt ein Bein gegen Widerstand anheben.
Ich beobachte dabei gespannt das Gesicht des Mädchens, das regungslos bleibt und dem man keine Schmerzen anmerkt.

„Das hat uns gerade noch gefehlt, erst ihr Bruder, der war vor zwei Wochen zur Blinddarm-Operation hier, und jetzt auch noch sie“, seufzt der Vater.
Die Ärztin und ich sehen uns für einen Moment an.
„Eine Blinddarmentzündung ist aber nicht ansteckend“, sagt die Ärztin dann betont und langsam.

„Wie groß bist Du und wieviel wiegst Du?“
„Hm, wieviel war das denn das letzte Mal beim Kinderarzt“, denkt der Vater laut nach, „42 kg?“
„41!“ kommt da plötzlich sofort der Einwand von Nadine, mit einer kräftigen und festen Stimme, die alle überrascht, „und ich inzwischen bin 1,66 m groß.“
Die Ärztin zieht die Augenbrauen hoch.
„Warst Du denn schon immer so dünn?“
Die Frage hängt im Raum, sucht nach jemandem, der antwortet.
„Das liegt in der Familie“, sagt der Vater.
Nadine nickt wie zur Bestätigung.
„Du hast nicht etwa viel abgenommen in der letzten Zeit?“
Kopfschütteln von Vater und Tochter.
„Du erbrichst auch nicht oder nimmst Tabletten, um abzunehmen?“
„Nein, das tut sie nicht!“ wehrt der Vater heftig ab, „das hätte ich doch gemerkt!“
Er wäre wohl der letzte, der das merken würde, denke ich still für mich.

Wir nehmen dem Mädchen noch Blut ab und schicken sie zu einer Ultraschalluntersuchung des Bauches, um eine Blinddarmentzündung auszuschließen.
Die Befunde ergeben keinen Hinweis auf eine Appendizitis.

Vor allem der Vater sieht sichtlich enttäuscht aus, daß auch wir nichts Greifbares und Behebbares gefunden haben.
Nadine schweigt dazu.
Mit dem Bruder voran verlassen sie das Untersuchungszimmer.

2
Zwei Tage später lese ich Nadines Namen überrascht wieder auf der Ambulanz-Akte, die zu uns hereingereicht wird.

„Die Bauchschmerzen sind schlimmer geworden!“ beklagt die Mutter, die diesmal vor uns sitzt.
Nadine sitzt auf der Untersuchungsliege schweigt dazu, nickt dann fast schon schuldbewußt.

Auch eine wiederholte Blutkontrolle und eine Ultraschall-Untersuchung geben keinen Hinweis auf eine Blinddarmentzündung oder eine andere Ursache der geschilderten Schmerzen.

Die Ambulanzärztin holt Rat bei der Oberärztin, die sich die Geschichte anhört und nach einem langen Blick auf das Mädchen im Nebenzimmer mit dem Zeigefinger gegen ihre Stirn tippt.
„Die hat nichts im Bauch, die hat was da oben!“
Alle grinsen, nur ich nicht.
„Und selbst wenn“, sage ich, „was machen wir denn jetzt?“
„Die bekommt jetzt erst mal eine Infusion, einen therapeutischen Einlauf und bleibt zwei Tage stationär zur Beobachtung.“

3
Auch auf Station bleiben alle ratlos.
„Sind die Bauchschmerzen immer noch da?“
Das ist die Frage bei der großen morgendlichen Weißkittel-Visite, zehn Ärzte, Studenten und Schwestern stehen um Nadines Bett, die Frage steht im Raum. Ich meine, den ironischen Unterton herauszuhören, der mir in die Seele schneidet.
Nadine liegt im Bett, dünn und bleich, zugedeckt, den Arm mit der Infusionsnadel auf der Bettdecke. Sie nickt schüchtern und fügt leise hinzu: „Nicht mehr so stark, aber letzte Nacht konnte ich deswegen nicht schlafen.“
Im Hintergrund verdreht die Zimmer-Schwester die Augen, sie zeigt auf die Patienten-Kurve: „Die Nachtwache hat nichts besonderes berichtet.“

Ich frage mich, was ich an Nadines Stelle in dieser Situation überhaupt noch sagen könnte, ohne vollends mein Gesicht zu verlieren.
Wie soll sie aus dieser Sackgasse wieder herauskommen, ohne sich noch mehr der Lächerlichkeit preiszugeben und gleichzeitig dennoch ihre deutlich spürbare seelische Not klarmachen?
Nadine ist hier falsch – das hier ist die Chirurgie; man kann keine Seele mit dem Messer heilen.

Aber vielleicht sind wir auch alle auf der falschen Fährte, vielleicht ist da wirklich „was im Bauch“ und vor allem ich laufe Gefahr, das nicht mehr ernst zu nehmen?

„Gestern haben wir ihr eine Placebo-Schmerztablette gegeben, die hat geholfen“, berichtet eine Schwester draußen auf dem Flur.
„Simulantin!“ höre ich vom Oberarzt, „die wird schon sehen.“

4
Das Stationstelefon klingelt.
„Nein, sie wird heute nicht operiert“, höre ich den Stationsarzt sagen, „eine Nacht bleibt sie noch zur Beobachtung.“
Dazwischen liegen lange Pausen, in denen er zuhört und dabei die Augen verdreht.
„Tschüß.“ Er legt sichtlich genervt auf.
„Mein Gott, wie kann ein Mensch nur reden wie ein Maschinengewehr?!?“
„War das die Mutter von Nadine?“
„Pathologische Familie.“

5
Eines Morgens nach der Visite, bevor alle im OP verschwinden, wage ich es, zu sagen: "Könnten wir da nicht mal einen Psychiater oder Psychosomatiker draufschauen lassen? Es könnte ja sein, daß es dem Mädchen eigentlich seelisch schlecht geht und sich das dann in "Bauchschmerzen" äußert, sie das vielleicht auch gar nicht anders äußern kann..."
Ich verstumme, komme mir auf einmal dumm und unerfahren vor, als Studentin im Praktikum, der man ja sonst jegliche Erfahrung und Ahnung abspricht.
Ich ernte kritische Blicke, die über meinen mageren Körper gleiten und höre eine Ärztin herablassend sagen: "Das sagt wohl genau die richtige. Schau' Dich erst mal selber an und überleg' Dir noch mal, was Du sagst."
Ich sage ab da nichts mehr.
Leide stumm mit dem Mädchen mit.

6
Am vierten Tag entschließen sich die Ärzte zur „diagnostischen Laparoskopie mit Appendektomie“, auch wenn es nach wie vor keine Anzeichen dafür gibt, daß die Ursachen für Nadines Schmerzen wirklich im Bauch oder gar im Blinddarm liegen.

Die Mutter ist mit allem sofort einverstanden, sie setzt eilig ihre Unterschrift unter das Aufklärungsformular.
Die Tochter sagt nichts, obwohl sie beim Aufklärungsgespräch dabei war und auch alles über den Ablauf und die Risiken einer Operation gehört hat. Sie wirkt wie eingefroren, hat während der Aufklärung die ganze Zeit auf einen Punkt auf der weißen Bettdecke gestarrt und geschwiegen.

Ob Nadine wirklich weiß, worauf sie sich da einläßt?
Was ihr bevorsteht?
Narkose, Operation, Schmerzen, Narben?

7
Ich wundere mich, daß Nadine nach der Operation nicht wieder auf die Station zurückgebracht worden ist.
„Weiß jemand, was mit Nadine ist?“ frage ich beim Mittagessen.
„Intensiv-Station.“
„Wie?!? Aber die hatte doch eigentlich gar nichts?“
Ich weiß von den Operateuren, daß im Bauch von Nadine alles in Ordnung war, man ihr aber trotzdem prophylaktisch den Blinddarm entfernt hat.
„Nach der OP hat sie so massiv über Schmerzen geklagt, daß die Anästhesie ihr eine Schmerzpumpe gegeben hat und sie sich mit dem Morphin so weit hochgespritzt hat, daß sie nicht mehr richtig geatmet hat.“
Ich bin erschrocken.
„Na ja, jetzt hat sie wohl zum ersten Mal richtig Schmerzen“, sagt jemand am Tisch. Allgemeines Grinsen.
„Sie lag echt da wie ein kleiner Junkie.“

8
Am Tag der Entlassung kommt endlich jemand auf die Idee, die Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Konsil zu holen.
Als ich auf die Station komme, sitzt die Kinder- und Jugendpsychiaterin gerade im Stationszimmer am Schreibtisch und füllt den Konsil-Zettel aus.
„Nachdem ich mich vorgestellt und ihr gesagt hatte, was ich bin, hat das Mädchen geredet wie ein Wasserfall“, berichtet sie, „bis nach ein paar Minuten die Familie zu Besuch ins Zimmer kam – ab da war sie wieder stumm.“
Ich sehe der Ärztin beim Schreiben zu.
„Larvierte Depression“ steht jetzt als Diagnose da.
„Dieses Mädchen hat in der Familie keinen Raum“, sagt die Ärztin, bevor sie die Station wieder verläßt.
„Und sie traut sich auch nicht mehr, sich welchen zu nehmen“, füge ich in Gedanken betroffen und traurig hinzu, „weder körperlich, noch sprachlich. Statt dessen fängt sie an, klammheimlich zu verschwinden, sie macht sie dünn.“

9
Nadine verläßt ein paar Tage nach der Operation die Klinik mit ein paar Narben mehr: körperlich und seelisch.