Betriebsarzt

Betriebsarzt

Im Rahmen meines Studiums muß ich zum betriebsärztlichen Dienst.
Irgendwie habe ich Angst - was ist, wenn die mich für "nicht arbeitsfähig" halten?

Am Morgen der Untersuchung zeigt die Waage knapp 44 kg. BMI 15,8.
Ich trinke ich so viel Wasser, wie ich kann, und packe mir noch eine Flasche zusätzlich ein.
Die Betriebsärztin ist eine freundlich blickende Frau um die 50 mit grauen Haaren. Ihr Händedruck ist fest und hat etwas Entschlossenes. Ich versuche, ihn zu erwidern.
Im Untersuchungszimmer nehme ich neben ihrem Schreibtisch Platz.
Sie wirft einen langen prüfenden Blick auf mich.
"Waren Sie schon immer so dünn?"
Ich nicke.
Das ist nicht gelogen - immerhin bin ich schon seit 15 Jahren magersüchtig.
"Wie groß sind Sie denn und wie viel wiegen Sie etwa?"
Innerlich muß ich über das Wort "etwa" lächeln.
Eine Magersüchtige weiß immer und überall bis aufs Gramm genau, wie viel sie wiegt.
Ich überschlage im Kopf, wie viel zusätzliches Wasser ich in mir habe.
"Etwa 45 kg."
Sie notiert sich die Zahlen, zieht einen Taschenrechner hervor, tippt.
Stirnrunzeln, Kopfschütteln; sie gibt die Zahlen erneut ein.
Ich beuge mich so weit vor, daß ich die Zahl auf dem Display erkennen kann.
0,0619755
"Ich glaube, Sie müssen die Zahlen andersrum eingeben, Gewicht durch Größe im Quadrat oder so... glaube ich..."
Sie guckt für einen Moment irritiert und notiert sich das Quadrat meiner Größe - zu meinen Gunsten falsch auf eine Nachkommastelle gerundet.
Der Taschenrechner spuckt eine neue Zahl aus:
16,7
"Sie haben Untergewicht."
"Oh", sage ich und versuche dabei, möglichst viel Überraschung und Betroffenheit in meine Stimme zu legen.
"Ein BMI über 19 wäre normal."
"Aha."
"Aber Sie überessen sich nicht und erbrechen dann?"
Ich schüttle heftig den Kopf. Das habe ich in der Tat noch nie gemacht.
"Also haben Sie keine Eßstörung."
Das ist keine Frage an mich. Ich widerspreche nicht.
Sie notiert etwas auf dem Anamnesebogen, sieht mich nicht an.
Innerlich verdrehe ich die Augen.
Durch die Aufregung sind mein Blutdruck und Puls richtig gut.

Später wiegt mich eine Helferin - mit Kleidung und Schuhen.
46,9 kg.
Bevor ich das Haus verlasse, verschwindet mindestens 1 kg davon in der Kanalisation.
Mein Glaube an die Ärzte auch.