Medizinische Klinik

Medizinische Klinik

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"Wir brauchen ein Bett für eine 23jährige Frau, magersüchtig, mit einem BMI von 11. Die Psychiatrie übernimmt sie erst ab einem BMI von 13."

Ein leises Raunen geht durch den Saal, in dem die Frühbesprechung der Medizinischen Klinik stattfindet. Laute des Erstaunens. Augenrollen. Kopfschütteln.
Ich sitze zwischen den Ärzten, in meinem weißen Kittel, und halte für einen Moment den Atem an.
BMI 11. 166 cm, 30 kg.
Das ist Wahnsinn.
Das erste Gefühl, das ich habe, ist grenzenlose Bewunderung.
Und Neid, unendlicher Neid.
Bis mein Verstand sich wieder einschaltet.
Wie kann ein Mensch nur so weit gehen, sich fast zu Tode zu hungern???
Wie kann diese Frau überhaupt noch leben, gehen, stehen, atmen???

"Das wäre doch was für die Station 7?"

Das ist meine Station, die Station, auf der ich gerade Wochenpraktikum mache.
Nein, das darf nicht sein, daß diese Frau zu uns kommt!!!
Ja, das ist doch die Gelegenheit, meine Krankheit mal von der anderen Seite kennenzulernen?
In mir kämpfen Gefühl und Verstand, mich zerreißt die Ambivalenz fast...

Als ich hinter den Ärzten die Konferenz verlasse, bin ich wie betäubt...
Nehme kaum wahr, was um mich herum geschieht.
Spüre jedes Gramm, das ich "zu viel" habe.
Könnte weinen, weil ich "versagt" habe.
11, das hatte ich nie. Bis 14 bin ich mal gekommen - warum habe ich aufgegeben?

Später stehe ich in der Stationsküche, mit einem Glas Wasser in der Hand, und diskutiere mit den anderen über diese junge Frau.
Ich weiß, objektiv betrachtet bin ich dünn - aber nicht "zu dünn".
Keiner sieht mir an, wie es in mir aussieht.
Keiner wird darauf kommen, daß ich innerlich genauso krank bin wie diese Frau.
Auf mich fallen sie nicht, diese Blicke, die Erstaunen, Entsetzen und Mitleid zugleich enthalten.
Über mich reden sie nicht.
Wer sieht, wie es in mir aussieht???

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Die Magersüchtige kommt nicht zu uns auf Station.

Unsere Stationsärzte haben noch mal mit dem zuständigen Psychiater und der jungen Frau selbst telefoniert - und sie lehnt jede Behandlung ab.
Die Station ist erleichtert, wenn auch aus anderen Gründen als ich.

"Das hätte nur wieder ein Drama gegeben", sagt eine Schwester, "die sehen doch eh alle nicht ein, wieso sie hier sind. Ist doch sinnlos, was wir hier machen. Kostet nur Zeit und Nerven. Wir sollten uns lieber um Patienten kümmern, die nicht gewollt krank sind."

"Du kannst ja dann die Anorektikerin aufnehmen“, hatte eine der Ärztinnen am Tag vorher noch zu mir gesagt.
Das wäre was geworden.
Magersüchtige Studentin nimmt magersüchtige Patientin auf.
Obwohl ich das bestimmt nicht schlecht gemacht hätte. Ich glaube, wenigstens bei dieser Patientin hätte ich mal die richtigen Fragen gestellt und auf die richtigen Dinge geachtet.
Nach 13 Jahren Anorexie kenne ich diese Krankheit wohl besser als jeder Arzt - auch wenn man sie mir heute nicht mehr unbedingt ansieht.
Aber wer sieht schon, was in mir ist...