Kinderklinik – Clara

Kinderklinik – Clara

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"Das nächste Kind, das kommt, nimmst aber Du auf!"
Am Morgen machen wir noch Witze über meine Angst vor Patienten, mittags steht überraschend Clara vor der Tür.
15 Jahre, Anorexie.
Ich bekomme die Akte in die Hand gedrückt, dazu einen Zettel, was ich alles bei der Aufnahme beachten soll.
Die Patientin war schon mal wegen gravierenden Untergewichts einen Monat lang auf der Station und kommt jetzt akut mit Durchfall und Erbrechen.
Ich frage mich, wie sie wohl aussieht, wie viel sie wiegt.
Ich hole noch mal tief Luft, nehme mir einen Aufnahmebogen und mache mich auf den Weg zu Zimmer 5.

Als ich das Zimmer betrete, steht Clara neben ihrem Bett.
Die Mutter sitzt am Tisch und liest.
Ich stelle mich vor, gebe beiden die Hand.
Claras Hand ist noch eisiger als meine, und das im Hochsommer.
Sie ist erschreckend dünn, sieht blaß und erschöpft aus - und steht doch weiterhin wie angewachsen neben dem Bett.
"Ich würde mich gern ein bißchen mit Dir darüber unterhalten, warum Du hergekommen bist. Am besten erst mal allein, ohne Deine Mutter. Möchtest Du Dich an den Tisch setzen?"
Clara schüttelt langsam den Kopf.
Ich warte noch einen Moment, dann bitte ich die Mutter, draußen zu warten.
"Meine Mutter kann hierbleiben."
Ich bin überrascht, sage dazu aber nichts mehr.
"Okay, ich setze mich dann zu Deiner Mutter an den Tisch. Du kannst Dich gern jederzeit dazusetzen."
Clara rührt sich nicht.
Ich bin etwas irritiert über die ungewöhnliche Gesprächssituation, fühle mich aber ein Stück sicherer, als ich einen Blick auf den strukturierten Anamnese-Bogen werfe und mich an meinem Kuli festklammere.
Clara ist sehr höflich, beantwortet alles mit kurzen, ausweichenden und allgemeinen Antworten. Alles sei nicht so schlimm, sie hätte nur eine Magen-Darm-Grippe, das sei ihr Problem.
Ich komme einfach nicht weiter - aber was erwarte ich auch von einem ersten Gespräch mit einer Magersüchtigen???
War ich nicht genauso?

"Jetzt möchte ich Dich noch untersuchen, dazu gehen wir am besten in unser Untersuchungszimmer."
Sie möchte, daß ihre Mutter mitkommt; wieder habe keine Chance, mal allein mit ihr zu reden.
Ich registriere beim Untersuchen die trockene, schuppige Haut, die Behaarung am ganzen Körper, die überall hervorstehenden Knochen, die blauen Flecken am Po. Der Puls ist erschreckend langsam; ich finde keine Stelle an ihrem Brustkorb, an dem ich mein Kinderstethoskop so aufsetzen kann, daß ich was höre.
Ich habe ihren Körper vor meinen Augen, unter meinen Händen, bin fasziniert und erschrocken zugleich.
Ich kann nicht anders - ein Stück weit beneide ich sie, auch wenn ich weiß, wie krank das ist.

Nach der Untersuchung ist das erste, was ich tue, einen Taschenrechner zu suchen.
164 cm, 35 kg, BMI 13.

Ganz in meiner Rolle als Studentin berichte ich dem Stationsarzt von der Patientin.
Danach flüchte ich von der Station in eine ruhige Ecke und weine.
Meinetwegen?
Ihretwegen?
Ich weiß es nicht.