Kinderklinik – Ines

Kinderklinik – Ines

1
"Und dann ist da ja immer noch die Anorexie in Zimmer 4."
Das läßt mich von meinen Notizen über die anderen kleinen Patienten auf der Station in der Kinderklinik hochschrecken.
Es gibt eine Magersüchtige auf Station?!?
Ich werfe einen Blick auf die Patientenkurve, suche die Felder, in die Größe und Gewicht eingetragen sind, starre den Gewichtsverlauf an.
Eine Magersüchtige.
Hier.
Als ich mein Praktikum anfange, ist Ines bereits seit über einer Woche auf Station.
Man hatte ihr nach unten hin eine Gewichtsgrenze gesetzt, die sie unterschritten hatte und deshalb wurde sie pünktlich zu Beginn der Sommerferien stationär aufgenommen.
Ich höre wie gebannt zu, während sich unsere Stationsärzte über sie beraten.
Sie klingen resigniert:
"Die ist vermutlich bis zum Ende der Sommerferien da, egal was wir machen."
Ich erfahre, daß Ines im letzten Jahr jedes Mal zu Beginn der Schulferien hier aufgenommen wurde, kurzfristig zugenommen hat, um dann zum Beginn der nächsten Ferien abgemagert wieder bei uns aufzutauchen.
Mir kommt das "Spiel" logisch und bekannt vor.

2
Ich habe die Aufgabe bekommen, mich regelmäßig mit Ines zu einem Termin zu verabreden, damit sie während der ständigen Wechsel im Pflegeteam eine "feste Bezugsperson" hat.
Ich fühle mich stolz und überfordert zugleich.
Mir hat bisher niemand angesehen, daß ich trotz eines Gewichts am unteren Ende des normalen Bereichs vom Denken und Fühlen her immer noch hochgradig magersüchtig bin.
Ich mache während der Team-Besprechungen anscheinend gute Bemerkungen, mir fällt viel auf, was bisher keiner bemerkt hat und meine Vorschläge werden tatsächlich ernstgenommen.
Nur daß ich dabei innerlich die ganze Zeit völlig zerrissen bin und nicht mehr weiß, was ich denken und fühlen soll.

Ines möchte die meiste Zeit einfach was spielen.
Ich bin einverstanden, obwohl ich die meisten Spiele nicht mal ansatzweise kenne und sie mich bei praktisch jedem Spiel "völlig abzockt".
Nebenbei unterhalten wir uns, meistens über relativ belanglose Dinge - ich habe das Gefühl, sie vertraut mir nicht, aber damit bin ich nicht alleine, das Gefühl hat das ganze Team. Niemand scheint richtig an Ines heranzukommen.

Nachdem sie mich innerhalb kürzester Zeit bei einem anspruchsvollen Spiel wieder mal besiegt hat, fragt sie beim Aufräumen plötzlich:
"Du warst auch mal magersüchtig, oder?"
Ich stocke. Hebe den Kopf.
Sehe in ein ganz ernstes Gesicht, sehe, wie sie auf eine Antwort wartet.
Ich überlege fieberhaft, was ich jetzt sagen soll. Was therapeutisch sinnvoll und vertretbar wäre. Was ich überhaupt sagen darf, und ob mich die Station nicht hinterher dafür umbringt, wenn ich mich "oute". Ob das nicht ein unverzeihlicher therapeutischer Fehler ist.
Schließlich sage ich: "Ja, es stimmt."
Pause.
"Wie bist Du darauf gekommen, Ines?"
"Du wirkst so. Du hast so was an Dir, auch wenn Du nicht dünn bist."
Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich das trifft.
"Wie bist Du da wieder rausgekommen?"
Sie wartet auf eine Antwort.
Jetzt fangen meine Probleme erst richtig an.
Weil ich nämlich nie rausgekommen bin. Weil ich ihr am liebsten sagen würde, daß ich immer noch tief drinstecke und daß ich ihr wünsche, daß sie die Chancen in der Therapie besser nutzen kann als ich. Und daß sie es nie so weit kommen lassen soll, in 10 Jahren immer noch so krank zu sein.
Ich bin vorsichtig mit den Informationen über mich und sage ihr, daß ich an ihrer Stelle noch mal eine richtige Therapie machen würde. Noch mal in eine gute Therapie-Klinik gehen würde.

3
Ines nimmt nur sehr langsam zu, macht eher Rückschritte als Fortschritte.
An ihrem Geburtstag ist "Wiegetag", sie hat abgenommen.
Laut ärztlicher Anweisung in der Patientenkurve müssen wir ihr den Ausgang von Station streichen.
Im Team bricht eine heftige Diskussion darüber aus:
"Es ist doch ihr Geburtstag! Da können wir doch mal eine Ausnahme machen..."
"Nein, gerade da sollten wir keine Ausnahme machen, sonst denkt sie nur noch mehr, sie kommt hier mit allem durch. Wir müssen jetzt konsequent sein."
Ines hatte an diesem Tag Ausgang.

4
Eine Woche vor Ende der Ferien ist das "Spiel" zu ende:
Ines möchte unbedingt einen wichtigen Besuch in einer anderen Stadt machen und erreicht auf einmal problemlos das Mindestgewicht, das für die Entlassung erforderlich ist.

Pünktlich zu Beginn der nächsten Ferien nehmen wir sie wieder stationär auf.

Alles unter Kontrolle?