Erwachsenen-Psychiatrie

Erwachsenen-Psychiatrie

1
Ich bin wieder einmal in einer Krise, die eigentlich inzwischen längst eine Dauerkrise ist.
Mein Studium stockt, mein Gewicht sinkt.
Eingespielter Kompensationsmechanismus meines Körpers und meiner Seele.

2
Um zehn Uhr an einem Septembermorgen soll ich mich auf der Station A8 melden.
Erst vor kurzem hat sich die Station einen Schwerpunkt für Eßstörungen und ein neues Therapiekonzept gegeben.
Frau Dr. G. wird mit mir ein Vorgespräch für eine stationäre Therapie führen.

Pünktlich stehe ich vor der Stationstür.
Sie ist abgeschlossen, zu meinem Erschrecken.
Eigentlich ist das doch eine offene Psychotherapiestation?
Ich finde die Klingel, läute, ein Mann öffnet grußlos und schließt hinter mir die Tür wieder ab.
„Melden Sie sich, wenn Sie wieder raus wollen.“
Er zeigt auf einen einsam und verloren am Ende eines langen Gangs stehenden Holzstuhl. Dort soll ich auf Frau G. warten.

Die Station macht mir Angst.
Die Atmosphäre ist bedrückend.
Der lange Flur wirkt kahl, kalt und steril.
Etwa auf der Hälfte des Flurs steht eine kleine Sitzgruppe; dort sitzt reglos eine Patientin in einem Sessel und starrt die gegenüberliegende Wand an. Nur daß es da nichts zu sehen gibt als das schmutzig-gelbliche Weiß der Wand.
Als ich an ihr vorbeigehe, bewegt sie sich nicht. Ihr Gesichtwirkt leblos, sie sitzt da wie innerlich und äußerlich erstarrt.
In mir kriecht ein unheimliches Gefühl hoch, läßt mich schaudern.
Was ist das nur für eine Station?

Ich setze mich vorsichtig. Habe Angst, mich auf dieser Station niederzulassen, hier Platz zu nehmen und zu diesem trostlosen Bild zu gehören.

Plötzlich geht gegenüber eine Tür auf.
Eine Gestalt schlüpft durch den Türspalt.
Dünn. Extrem dünn. Abgemagert bis auf die Knochen, die sich durch den viel zu weiten Trainingsanzug abzeichnen.
Unruhige Augen huschen über den Gang, finden mich, bleiben an mir hängen, mustern mich durchdringend von oben bis unten.
Dieser Blick.
Eine Magersüchtige erkennt eine andere, egal wie viel beide gerade wiegen.
Men geübtes Anorektiker-Auge schätzt sie auf maximal 35 kg.
Ich schaue weg. Ertappt. Beschämt.
Sie schlurft auf ihren mageren Stelzenbeinen, die in den ausgebeulten Hosen stecken, an mir vorbei.
„Frau T.!!!“ dröhnt es Sekunden später durch den Flur, „zurück ins Zimmer, Sie wissen, daß Sie bis auf weiteres Bettruhe haben!“ Die Stimme gehört einer Schwester, die den Kopf zum Stationszimmer hinausgestreckt hat und vorwurfsvoll auf Frau T. blickt.
Wir erschrecken beide.
Ihre Augen ziehen sich zusammen, ihr Blick verdüstert sich, ich erkenne die mühsam unterdrückte Wut in der ganzen mageren Gestalt.
Ich schließe die Augen und öffne sie erst wieder, als ich das leise Klicken höre, mit dem ihre Zimmertür ins Schloß fällt.
An der Tür hängt, akribisch mit Buntstiften ausgemalt, ein Mandala.

3
Frau G. ist eine junge Ärztin. Das wilde braune lockige Haar paßt nicht so recht zu dem schmalen Gesicht mit den ernsten, aufmerksamen Augen.
Sie ist sehr schlank, wirkt fast schon zart und zerbrechlich.
Meinem ersten Eindruck nach ist oder war sie selbst magersüchtig.

Ich beschließe innerlich, ihr und mir eine Chance zu geben.
Erzähle von meinem Leben, von der lähmenden Depression, die mich seit Monaten gefangenhält. Versuche mühsam und unter Tränen, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Hoffe, daß sie mich versteht.

„Wie viel wiegen Sie denn gerade?“
Ich bin ehrlich: „46 kg.“
Diese Zahl ist das erste, was sie sich nach einer Viertelstunde Gespräch auf dem leeren Blatt mit meinem Namen notiert.
Ich bin ein Name und eine Zahl.
„Welches Gewicht könnten Sie sich denn maximal für sich vorstellen?“
Ich muß nicht lange überlegen. „Ich finde mich so okay, wie ich gerade bin. Es ist nicht zu wenig und nicht zu viel, aber im schlimmsten Fall könnte ich 49,9 kg akzeptieren.“
Eine weitere Zahl auf ihrem Papier.
„Wie viel Kalorien essen Sie denn am Tag?“ – „Wie viele Scheiben Brot essen Sie zum Frühstück und zum Abendessen?“ – „Essen Sie zu Mittag warm?“
Ihre Fragen prasseln auf mich, mit leiser, fast schon sanfter Stimme, aber irgendwie hart, fordernd und bestimmt.
Ich verberge mein Gesicht in den Händen, schüttle verzweifelt den Kopf, kämpfe mit den Tränen.
Es geht doch hier nicht nur um mein Gewicht und das Essen, oder?
Ich bin hier, weil es mir schlecht geht, weil ich depressiv bin, weil ich Ängste habe, weil ich verzweifelt bin, weil ich Hilfe im Studium brauche, weil …
„Ich weiß nicht, wie viele Kalorien es sind. Ich zähle sie nie. Und ich esse nie Brot, weder morgens noch abends.“
„Dann schätzen Sie.“
„Verdammt, was soll das???“
Sie starrt mich nur sehr ernst, aber verständnislos an.

Sie spricht mit leiser Stimme, sehr langsam, aber deutlich und fast schon eindringlich, als wäre ich schwer von Begriff und das folgende von enormer Wichtigkeit.
„Wir haben hier ein Programm, bei dem unsere Patientinnen pro Woche 500 g zunehmen sollen. Wenn sie das Ziel nicht erreichen, beginnen wir ein Restriktionsprogramm, das bestimmte Maßnahmen wie Ausgangssperre, Telefonverbot, Zimmerruhe-“
„Geht es hier nur ums Zunehmen?!?“
„Das gehört zu unserem Programm.“
„Und was gibt es hier sonst noch?“
Sie schaut etwas irritiert.
„Es geht den Patientinnen besser, wenn sie an Gewicht zugenommen haben. Untergewicht verursacht Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Müdigkeit-“
„Ich habe also keine Probleme mehr, wenn ich 50 kg habe?“
Sie schweigt.
„Wieso ging es mir dann vor ein paar Monaten nicht besser, als ich noch 51 kg hatte?“

Wie betäubt stehe ich nach dem Gespräch wieder vor der Stationstür.
Versuche, die starren Regeln und die Leblosigkeit dieser Station wieder abzuschütteln.

4
Eine Woche später werde ich auf die Nachbarstation aufgenommen, weil ich mich weigere, am Therapieprogramm der Eßstörungsstation teilzunehmen.
Aufgrund meines Alters kommt nur noch eine einzige Station im Haus in Frage:
Die Psychose-Station.
„Für die Depressions-Station sind Sie zu jung.“
Aber um Depressionen zu haben, wohl nicht?
Ich bin fassungslos angesichts der Therapie-Programme dieses Hauses.