Unterwegs

Unterwegs

1
Auch nach dem Klinikaufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie halte ich noch Kontakt zu Samirah. Wir telefonieren unregelmäßig; alle paar Monate fahre ich sie besuchen.

Auf dem Weg vom Bahnhof zu ihr nach Hause können wir keine Bäckerei auslassen.
Samirah braucht ein Mehrkornbrötchen fürs Abendessen, "aber keine Sonnenblumenkerne" und "nicht zu dunkel".
Sie zieht mich in jede Bäckerei, bleibt angespannt vor den Auslagen stehen, begutachtet mit geübtem und mißtrauischem Blick die Brötchen.
"Was darf es sein?" fragen die Verkäuferinnen, aber da ist Samirah schon wieder halb zur Tür hinaus; im Hinausgehen werfe ich den Verkäuferinnen entschuldigende Blicke zu.
Ich werde langsam ungeduldig: "Jetzt kauf' doch einfach eins, die sehen doch alle gleich aus."
In der nächsten Bäckerei scheinen wir Glück zu haben; Samirah zeigt auf einen Haufen Vollkornbrötchen: "Eins bitte. Ein kleines."
Die Verkäuferin fischt eins aus der Auslage, will es in eine Papiertüte stecken - "Moment, wie viel Gramm wiegt das?"
Die Verkäuferin starrt Samirah an. "Wieso?"
"Bitte, ich muß das wissen."
Die Verkäuferin wirft noch einen Blick auf Samirah und mich, dann auf das Brötchen und legt es auf eine Waage.
"53 Gramm."
"Haben Sie auch ein kleineres?"
Ich merke, wie jetzt auch die Verkäuferin ungeduldig wird.
"Die sind alle gleich."
"Nein, das da vorne sieht kleiner aus."
Mir ist die ganze Situation nur noch peinlich.
"Samirah, bitte!!! Du kannst doch nachher ein Stück davon abschneiden!"
Die Verkäuferin sieht uns an, als ob sie an unserem Verstand zweifelt. Ich tue das inzwischen auch. Das ist auch naheliegend, wenn man die klapperdürre Gestalt betrachtet, die da vor den Auslagen steht und um jedes Gramm weniger feilscht.
"Wir nehmen das", höre ich mich sagen.
Samirah ist völlig perplex, zahlt und läßt sich von mir zur Tür hinausschieben.

2
"Ich muß ganz dringend aufs Klo", sagt sie und eilt in Richtung eines Kaufhauses.
"Schon wieder?!?"
Samirah war erst vor einer halben Stunde in einem Modehaus auf der Toilette, davor in einem Café.
Ich warte vor der Tür und sehe zehn Mädchen und Frauen hineingehen und wieder herauskommen, bis Samirah wieder auftaucht.
"Was ist eigentlich mit Dir los?"
"Meine Blase", sagt sie, sieht an mir vorbei, eilt weiter.
"Du nimmst wieder Abführmittel, oder?"
"Nein. Laß' mich damit in Ruhe."